Wehr war lange ein Ort, an dem produziert wurde. Textil, Papier, Glas, Maschinenbau, Pharma: Viele Menschen fanden hier Arbeit, viele Familien lebten direkt oder indirekt von diesen Betrieben. Doch in den vergangenen Jahren hat sich etwas verschoben. Namen, die zur Stadt gehörten oder für industrielle Stärke standen, sind verschwunden, weggezogen oder stehen vor dem Aus.
Brennet, KPG, Weck, Papierfabrik Lenz, Novartis — jeder Fall ist anders. Zusammen werfen sie aber eine Frage auf: Braucht Wehr eine neue Standortpolitik?
Vom Einzelfall zum Muster
Der Niedergang der Textilproduktion bei Brennet war ein früher Einschnitt. Mit dem Ende dieser Sparte verlor Wehr nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch einen Teil seiner industriellen Identität.
Bei KPG lag der Fall anders. Das Unternehmen war erfolgreich und wollte wachsen. Die Expansion fand jedoch nicht in Wehr statt, sondern in Albbruck. Für die Stadt ist das besonders schmerzhaft, weil hier nicht ein kriselnder Betrieb verschwand, sondern Zukunftsinvestition an einen anderen Ort ging.
Weck steht für eine dritte Entwicklung: Wenn ein traditionsreicher Betrieb in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät und neue Eigentümer übernehmen, zählen Geschichte und lokale Verbundenheit oft weniger als Standorte, Kosten und Strukturen.
Die Papierfabrik Lenz wiederum zeigt, dass auch kleinere Produktionsbetriebe für das Gesicht einer Stadt wichtig sind. Mit ihrer Schließung verschwand ein weiteres Stück gewachsener Gewerbekultur.
Und Novartis macht deutlich, wie verletzlich ein Standort sein kann, wenn er Teil eines internationalen Konzerns ist. Ob in Wehr gute Arbeit geleistet wird, ist dann nur ein Faktor unter vielen. Am Ende entscheidet der Vergleich mit anderen Werken.
Warum das die ganze Stadt betrifft
Der Verlust eines Betriebs endet nicht am Werkstor. Beschäftigte kaufen ein, Handwerker bekommen Aufträge, junge Menschen finden Ausbildungsplätze, Vereine profitieren von Sponsoring, die Stadt von Gewerbesteuer. Wenn solche Strukturen wegbrechen, merkt man das nicht immer sofort. Aber nach und nach verändert sich ein Ort.
Dazu kommt die Außenwirkung. Eine Stadt, aus der mehrere bekannte Betriebe verschwinden, muss aufpassen, nicht als Standort ohne Perspektive wahrgenommen zu werden. Dieser Eindruck wäre gefährlich — für bestehende Firmen ebenso wie für mögliche neue Ansiedlungen.
Die entscheidenden Risikofaktoren
Betriebe verlassen einen Standort selten ohne Vorzeichen. Häufig geht es um eine von vier Fragen:
Gibt es genug Platz?
Wachsende Unternehmen brauchen Erweiterungsflächen, moderne Hallen, Zufahrten und Planungssicherheit. Fehlt das, wird ein anderer Standort attraktiv.
Lohnt sich die nächste Investition noch hier?
Bei Konzernen wird jeder Standort regelmäßig bewertet. Alte Gebäude, hohe Kosten oder fehlende Entwicklungsmöglichkeiten können gegen Wehr sprechen.
Was passiert bei Krise, Verkauf oder Nachfolge?
Wenn Eigentümer wechseln, werden Strukturen neu sortiert. Dann kann eine lokale Bindung schnell an Gewicht verlieren.
Ist der Standort zukunftsfähig?
Energie, Verkehr, Fachkräfte, Genehmigungen und digitale Infrastruktur entscheiden mit darüber, ob ein Betrieb bleibt oder anderswo investiert.
Was eine neue Standortpolitik leisten müsste
Eine neue Standortpolitik würde nicht bedeuten, jedem Betrieb alles zu versprechen. Die Stadt kann Unternehmensentscheidungen nicht ersetzen und Konzernstrategien nicht bestimmen. Aber sie kann früher erkennen, wo Risiken entstehen — und gezielter dafür sorgen, dass Betriebe in Wehr eine Zukunftsperspektive sehen.
Dazu gehört zunächst eine ehrlichere Bestandsaufnahme. Welche Betriebe sind für Arbeitsplätze, Ausbildung und Gewerbesteuer besonders wichtig? Welche davon brauchen in den nächsten Jahren Platz, neue Energieversorgung, bessere Zufahrten oder schnellere Verfahren? Wo drohen Nachfolgeprobleme, Eigentümerwechsel oder größere Investitionsentscheidungen?
Zweitens müsste Wirtschaftspolitik stärker vorbeugend arbeiten. Gespräche mit Schlüsselbetrieben sollten nicht erst stattfinden, wenn eine Schließung angekündigt wird. Entscheidend ist der Zeitpunkt davor: wenn ein Unternehmen über Erweiterung, Modernisierung oder Verlagerung nachdenkt. Gerade dann muss die Stadt wissen, was möglich ist — und was nicht.
Drittens braucht Wehr Klarheit über seine Gewerbeflächen. Es reicht nicht, allgemein von wirtschaftlicher Entwicklung zu sprechen. Unternehmen brauchen konkrete Antworten: Wo kann produziert werden? Welche Flächen sind wirklich verfügbar? Wo können bestehende Betriebe wachsen? Welche Standorte sollen langfristig für Gewerbe gesichert werden?
Viertens stellt sich die Frage der Nachnutzung. Freiwerdende Industrieflächen sind keine Nebensache. Sie entscheiden mit darüber, ob Wehr wieder Arbeitsplätze und Wertschöpfung gewinnt oder ob wertvolle Standorte dauerhaft unter ihren Möglichkeiten genutzt werden. Eine neue Standortpolitik müsste deshalb festlegen, welche Art von Nutzung dort gewollt ist.
Und schließlich braucht Wehr ein klareres Profil. Die Stadt wird nicht jeden Betrieb halten und nicht jede Ansiedlung gewinnen können. Aber sie kann sich stärker auf das konzentrieren, was zu ihr passt: spezialisierte Produktion, technisches Handwerk, Maschinenbau, industrienahe Dienstleistungen und Energie. Dafür braucht es verlässliche Entscheidungen, kurze Wege und den politischen Willen, Gewerbeentwicklung als dauerhafte Aufgabe zu verstehen.
Ein Weckruf, kein Abgesang
Wehr hat weiterhin wirtschaftliche Substanz. Es gibt Betriebe, die produzieren, ausbilden und investieren. Gerade deshalb wäre es falsch, die Entwicklung nur zu beklagen. Der bessere Schluss lautet: Jetzt prüfen, ob die bisherige Standortpolitik noch ausreicht.
Die Reihe der Verluste zeigt, wie schnell industrielle Stärke bröckeln kann. Sie zeigt aber auch, wo die Hebel liegen: Flächen, Gespräche, Planungssicherheit, Nachnutzung und ein klares Standortprofil.
Novartis sollte deshalb nicht nur als weiterer Einschnitt verstanden werden. Die Schließung sollte Anlass sein, grundsätzlich zu fragen: Wie will Wehr künftig mit seinen Betrieben, seinen Flächen und seiner industriellen Substanz umgehen?
Denn die wichtigste Frage lautet nicht, welcher Betrieb als Nächstes geht. Die wichtigste Frage lautet, ob Wehr heute genug tut, damit Betriebe morgen bleiben.
