Baden-Württemberg zeichnete 55 Städte und Gemeinden mit dem Prädikat „Gigabitkommune@BW“ aus. Die Auszeichnung wird an Kommunen vergeben, die mindestens 97,9 Prozent ihrer Haushalte technisch mit Anschlüssen von 1.000 Mbit/s oder mehr versorgen können.
Doch hinter dem Siegel verbirgt sich eine entscheidende Einschränkung: Es sagt nichts darüber aus, wie viele Haushalte diese Anschlüsse tatsächlich nutzen. Der Erfolg wird also nicht an echter Digitalisierung, sondern an theoretischer Verfügbarkeit gemessen.
Kleine Gemeinden glänzen mit Vollausbau – aber was passiert danach?
Die ausgezeichneten Orte sind überwiegend klein, oft mit weniger als 10.000 Einwohnern – darunter March (ca. 9.300 Einwohner), Wyhl am Kaiserstuhl (3.500), Ellenberg, Böbingen an der Rems, Breitnau und Seebach. Diese Gemeinden haben ihre Ausbauprojekte abgeschlossen und nahezu alle Haushalte ans Gigabitnetz angeschlossen.
Doch die entscheidende Frage bleibt offen: Werden diese Anschlüsse auch gebucht und genutzt, oder liegen die teuren Leitungen ungenutzt im Boden?
Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen, dass selbst bei voller technischer Erschließung nicht automatisch hohe Vertragszahlen folgen. Fehlende Aufklärung, Wechselbarrieren oder schlicht mangelnde Nachfrage können dazu führen, dass der teure Ausbau nur begrenzt Wirkung entfaltet.
Wehr: Nutzung nicht gesichert
Wehr mit seinen rund 13.000 Einwohnern liegt im Ausbau hinter den ausgezeichneten Kommunen zurück – die 97,9-Prozent-Marke ist noch nicht erreicht. Doch auch wenn der Vollausbau in den kommenden Jahren gelingen sollte, steht die Stadt vor derselben Herausforderung wie andere Gemeinden: Wie lässt sich sicherstellen, dass Bürger die Anschlüsse auch tatsächlich nutzen?
Ohne begleitende Informationskampagnen, faire Tarife und einfache Umstiegsmodelle besteht die Gefahr, dass Millioneninvestitionen in Glasfaser nur die theoretische Verfügbarkeit steigern, nicht aber die reale digitale Leistungsfähigkeit der Stadt.
Ein kritischer Blick auf die Auszeichnung „Gigabitkommune@BW“
Das neue Landes-Siegel vermittelt den Eindruck, dass prämierte Städte und Gemeinden digitaler Vorreiter sind. Doch die Kriterien beziehen sich ausschließlich auf technische Infrastruktur, nicht auf deren Nutzung oder die erzielte digitale Teilhabe.
Ein echter Maßstab für digitale Zukunftsfähigkeit müsste auch berücksichtigen:
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Wie viele Haushalte sind tatsächlich online mit Gigabitgeschwindigkeit unterwegs?
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Wie stark werden die neuen Möglichkeiten für Arbeit, Bildung und Wirtschaft genutzt?
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Welche Schritte unternehmen Kommunen, um Nachfrage zu schaffen, nicht nur Kabel zu verlegen?
Ausbau ist nur die halbe Miete
Wehr steht mit seiner Ausbaustrategie nicht allein: In vielen Gemeinden werden Glasfaserprojekte gestartet, ohne dass ein klarer Plan für tatsächliche Nutzung existiert. Der Blick auf die ausgezeichneten Gigabitkommunen zeigt, dass selbst bei Vollversorgung keine Aussage über die digitale Realität vor Ort getroffen werden kann.
Wenn Digitalisierung mehr sein soll als Prestigeprojekte und Zertifikate, müssen Ausbauziele mit klaren Nutzungszielen verknüpft werden. Sonst droht Baden-Württemberg, Millionen in Infrastruktur zu investieren, die im Alltag der Menschen kaum ankommt.
