Mit der „Neuaufstellung Bündtenfeld“ stellt Wehr die Weichen für eines der wichtigsten Stadtentwicklungsprojekte der kommenden Jahre. Rund 20,6 Hektar sollen neu geordnet werden. Die Ziele sind nachvollziehbar – doch bei Verkehr, Wohnumfeld, Altlasten, Hochwasser und Kosten beginnt die eigentliche Debatte erst.
Mit der angekündigten Schließung des Novartis-Produktionsstandorts bis voraussichtlich Ende 2028 steht Wehr vor einer großen städtebaulichen Aufgabe. Zugleich entsteht die Chance, ein zentral gelegenes Industrieareal neu zu entwickeln.
Der Gemeinderat hat am 29. September einstimmig die Aufstellung des Bebauungsplans „Bündtenfeld Neuaufstellung“ beschlossen. Das Plangebiet umfasst rund 20,6 Hektar und reicht deutlich über das eigentliche Novartis-Gelände hinaus.
Das ist planerisch nachvollziehbar: Straßen, Grundstückszuschnitte, Übergänge zur Wohnbebauung und Verbindungen zur Wehra lassen sich kaum isoliert neu ordnen. Gleichzeitig betrifft das Verfahren damit deutlich mehr Eigentümer und Anwohner.
Gewerbe bleibt die Leitidee
Die zentrale Richtung ist bereits gesetzt: Das Gebiet soll überwiegend gewerblich geprägt bleiben. Eine größere Umwandlung in ein Wohnquartier ist derzeit nicht vorgesehen.
Gerade das verdient Diskussion. Das Areal liegt zentral, grenzt direkt an Wohngebiete und wird die Stadt langfristig prägen. Deshalb sollte im weiteren Verfahren nicht nur gefragt werden, welche Betriebe dort Platz finden, sondern auch, welche Mischung aus Arbeiten, Wohnen, Grün und öffentlichem Raum sinnvoll ist.
Besonders sensibel ist der westliche Bereich, wo bereits Wohnnutzung besteht. Diese soll geschützt werden, zugleich will die Stadt dort keine Entwicklung hin zu einem allgemeinen Wohngebiet fördern.
Wie viel Gewerbe verträgt die Nachbarschaft?
Direkt an Wohngebieten sollen nur Betriebe zugelassen werden, die nicht wesentlich stören. Im Inneren des Areals und Richtung Wehra hält die Stadt dagegen auch intensivere gewerbliche oder industrielle Nutzungen für möglich.
Ob das funktioniert, hängt von den späteren Festsetzungen ab. Lärm, Gerüche, Erschütterungen und zusätzlicher Verkehr werden ausdrücklich als mögliche Konflikte genannt. Eine schalltechnische Untersuchung soll klären, was mit der bestehenden Wohnbebauung vereinbar ist.
Verkehr bleibt ein Schlüsselproblem
Die heutige Erschließung ist auf einen einzelnen Großbetrieb zugeschnitten. Für mehrere Unternehmen braucht es neue Verkehrswege. Die Stadt erwägt deshalb zusätzliche Straßenverbindungen durch das Gebiet.
Der Gewerbeverkehr soll möglichst aus den Wohnstraßen herausgehalten werden. Noch fehlt aber ein konkretes Verkehrskonzept. Gerade eine kleinteiligere Nutzung kann mehr Lieferverkehr und mehr einzelne Fahrten erzeugen.
Aldi, Rewe und die Frage nach dem Einzelhandel
Auch die bestehenden Standorte von Aldi und Rewe werden neu bewertet. Im weiteren Verfahren soll geklärt werden, welche Rolle der Einzelhandel dort künftig spielen soll und in welchem Umfang er zulässig bleibt.
Für viele Bürger dürfte das eine der unmittelbarsten Fragen des gesamten Verfahrens sein.
Umwelt, Hochwasser und Altlasten
Geplant ist ein reguläres Verfahren mit vollständiger Umweltprüfung. Vorgesehen sind Untersuchungen zu Artenschutz, Lärm, Boden, Altlasten und Wasserwirtschaft.
Das ist wichtig, weil das Gebiet direkt an die Wehra grenzt. Hochwasser, Starkregen, Gewässerrandstreifen und die ökologische Funktion des Talraums müssen berücksichtigt werden.
Hinzu kommt die jahrzehntelange industrielle Nutzung. Die Verwaltung rechnet ausdrücklich mit möglichen Bodenbelastungen. Auch die Annahme, dass womöglich kein zusätzlicher externer naturschutzrechtlicher Ausgleich nötig sein wird, ist bislang nur eine Arbeitsannahme.
Die Kostenfrage kommt erst noch
Für die aktuelle Planung sind zunächst 156.707,95 Euro vorgesehen. Das sind jedoch nicht die Gesamtkosten der Gebietsentwicklung.
Neue Straßen, mögliche Grundstückskäufe, Bodenordnung, Altlastensanierung und weitere Infrastruktur können deutlich höhere Ausgaben verursachen. Wer diese am Ende trägt, ist noch offen.
Die entscheidende Phase beginnt jetzt
Der Beschluss vom September legt noch nicht fest, wie das Bündtenfeld am Ende aussehen wird. Zunächst soll ein städtebauliches Konzept entstehen, parallel folgen Fachgutachten und anschließend die Beteiligung der Öffentlichkeit.
Damit bleiben die wesentlichen Fragen offen: Wie intensiv darf das Gebiet genutzt werden? Wie wird zusätzlicher Verkehr geführt? Welche Rolle soll Wohnen spielen? Was geschieht mit dem Einzelhandel? Welche Altlasten gibt es? Und welche Kosten entstehen?
Die Neuaufstellung ist deshalb vor allem der Ausgangspunkt eines langen Prozesses. Gerade bei einem Gebiet dieser Größe wird entscheidend sein, wie transparent die Stadt die nächsten Schritte gestaltet.
