Ein neuer Bürgemeister in Wehr wird sich auch mit Wachstum der Stadt Wehr auseinandersetzen müssen.
Mehr Einwohner können die Kassen füllen, die Stadt beleben und neue Perspektiven eröffnen. Doch wie realistisch ist das?
Und vor allem: Welche Folgen hätte Wachstum für Wehr mit seinen ganz spezifischen Voraussetzungen?
Wehr heute – Stärken und Schwächen
Wehr ist mit rund 13.000 Einwohnern eine Kleinstadt im Hochrheintal, verteilt auf die Ortsteile Wehr und Öflingen. Anders als klassische Städte hat Wehr keinen ausgeprägten Stadtkern, sondern eher eine zersiedelte Struktur. Das macht die Stadt zwar grün und dezentral attraktiv, verteuert aber Versorgung und Infrastruktur: Straßen, Leitungen, Abwasser und öffentlicher Nahverkehr müssen in mehreren Strängen betrieben werden.
Hinzu kommt die demografische Herausforderung: Der Anteil älterer Menschen ist überdurchschnittlich hoch. Schon heute spürt Wehr den Druck im Bereich Pflege, ärztliche Versorgung und barrierefreies Wohnen.
Familien mit Kindern sind da – und bringen Leben in Vereine, Schulen und Kitas –, aber der Trend zeigt: Das Altersprofil kippt langsam nach oben.
Die Finanzlage
Die offizielle Haushaltsplanung der Stadt Wehr für 2025 zeigt, dass die Stadt finanziell unter Druck steht.
Auf der Einnahmeseite rechnet die Verwaltung mit rund 39,5 Millionen Euro an sogenannten ordentlichen Erträgen, also den laufenden Einnahmen aus Steuern, Gebühren und Zuweisungen.
Demgegenüber stehen ordentliche Aufwendungen von etwa 41,2 Millionen Euro, also die laufenden Ausgaben für Personal, Sachkosten, soziale Leistungen oder den Betrieb der öffentlichen Einrichtungen.
Schon allein daraus ergibt sich ein Minus von rund 1,74 Millionen Euro im Verwaltungshaushalt.
Dazu kommen die Investitionen: Während die Stadt knapp 1,6 Millionen Euro an Einzahlungen einplant, etwa durch Zuschüsse oder Beiträge, sind Ausgaben von fast 2,9 Millionen Euro vorgesehen. Auch hier ist also eine deutliche Lücke sichtbar – die allerdings nur vorübergehend so groß erscheint, da zugesagte Fördermittel erst zeitversetzt fließen und den Haushalt später entlasten.
Unterm Strich bedeutet das, dass Wehr mehr Geld ausgibt, als es einnimmt – und zwar nicht nur einmalig, sondern strukturell. Genau dieses Defizit ist die zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre.
Das Wachstumsversprechen
Der Gedanke klingt verlockend: Wenn Wehr um 2.000–3.000 Einwohner wächst, steigen die Einnahmen.
Rechnet man grob, bringt jeder neue Einwohner der Stadt über den kommunalen Anteil an der Einkommensteuer im Schnitt rund 500 Euro pro Jahr. Bei 2.000 zusätzlichen Einwohnern wären das etwa eine Million Euro.
Hinzu kommen die sogenannten Schlüsselzuweisungen des Landes, die sich an der Einwohnerzahl orientieren und pro Kopf im Schnitt noch einmal rund 200–300 Euro ausmachen.
Damit könnte Wehr insgesamt zwischen 1,3 und 2 Millionen Euro mehr im Jahr einnehmen – also in etwa so viel, wie das derzeitige strukturelle Defizit ausmacht.
Rein rechnerisch ließe sich dieses Minus damit fast oder sogar ganz schließen. In der Praxis aber entstehen durch mehr Einwohner zugleich neue Kosten, etwa für Kitas, Schulen, Infrastruktur und Pflege, sodass der Effekt schnell wieder aufgezehrt werden kann.
Wehr mit seiner dezentralen Struktur trifft das besonders hart. Während eine kompakte Stadt zusätzliche Einwohner relativ kosteneffizient integriert, verursacht das verstreute Siedlungsmuster Wehrs überproportionale Folgekosten.
Szenarien für Wehr
Was würde Wachstum also konkret bedeuten? Drei Szenarien verdeutlichen die Unterschiede:
Gezieltes Wachstum (1.500 junge Berufstätige/Pendler):
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Höhere Steuerkraft, mehr Dynamik, Impulse für Handel und Vereine.
– Ausbau von Kitas, Schulen und Mobilität nötig, aber noch im Rahmen.
→ Haushalt könnte profitieren, wenn Infrastruktur vorausschauend ausgebaut wird.
Gemischtes Wachstum (2.500 Personen, Familien und Ältere):
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Mehr Vielfalt, stärkere Nachfrage im Handel.
– Höhere Betreuungskosten, Pflegebedarf, große Infrastrukturinvestitionen.
→ Mehreinnahmen werden weitgehend aufgezehrt, Nettoeffekt gering.
Unkontrolliertes Wachstum (3.000 Personen, ohne Steuerkraftfokus):
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Kurzfristig hohe Einnahmesteigerung.
– Massive Belastung von Verwaltung, Infrastruktur, Verkehr; Risiko steigender Defizite.
→ Wachstum wird zur Kostenfalle, Haushalt könnte weiter kippen.
Wehr-spezifische Faktoren
Wachstum ist daher im Zusammenhang zu bewerten. Wehr bringt Eigenheiten mit, die jede Strategie prägen:
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Kein Stadtkern: Belebung der Innenstadt gelingt nur, wenn es gelingt, gezielt Angebote und Aufenthaltsqualität zu schaffen. Mehr Einwohner allein erzeugen keine Urbanität.
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Hohe Altersquote: Zuzug von Senioren bringt weniger Steuerkraft, erhöht aber Versorgungsbedarf.
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Nähe zur Schweiz: Berufspendler können Steuerkraft steigern, aber Verkehrsdruck und Parkprobleme verschärfen.
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Begrenzte Flächen: Innenentwicklung ist günstiger, Flächenverbrauch in Randlagen verteuert das Wachstum enorm.
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Akzeptanz: Flächenpolitik und Bauprojekte bergen Konfliktpotenzial. Ohne Bürgerbeiteiligung droht Stillstand.
Die eigentliche Stellschrauben
Wehr braucht Wachstum – aber nicht jedes Wachstum. Es geht weniger um die Zahl der Köpfe, sondern um die Qualität des Zuzugs:
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Zielt die Stadt auf junge Berufstätige und Familien mit Einkommen?
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Schafft sie parallel Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Mobilität?
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Wird Innenentwicklung vor Flächenverbrauch gestellt?
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Und: Gelingt es, Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen?
