Der KulTurm geht, aber wo liegen die Prioritäten?

26.05.2026

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Wenn der KulTurm geschlossen wird, verschwindet nicht nur ein Veranstaltungsort. Es geht um einen Raum für Begegnung, Kultur und öffentliches Leben. Solche Orte sind wichtig, weil sie einer Stadt mehr geben als ein Programm im Veranstaltungskalender: Sie schaffen Austausch, ermöglichen Engagement und machen Kultur vor Ort sichtbar.

Der Bürgermeister verweist auf andere Prioritäten. Im Haushaltsplan 2026 wird die Schließung des KulTurm zwar nicht ausdrücklich begründet. Trotzdem zeigt der Haushalt deutlich, wohin die Stadt Wehr ihre finanziellen Kräfte lenkt.

Ein Haushalt unter Druck

Wehr plant 2026 mit einem negativen Ergebnis von Rund 3 Millionen Euro. Die laufenden Erträge reichen also nicht aus, um die laufenden Aufwendungen zu decken. Zwar kann die Stadt auf Überschüsse aus vergangenen Jahren zurückgreifen, doch der Haushalt macht klar: Die Spielräume werden enger.

Auch für die Jahre 2027 bis 2029 rechnet Wehr mit negativen Ergebnissen. Als Gründe nennt die Stadt steigende Personal- und Sachkosten, höhere Umlagen, wirtschaftliche Unsicherheiten und wachsende Anforderungen durch Bund und Land. Die Verwaltung kündigt deshalb an, dass Aufgaben und Standards überprüft werden müssen. Weitere Einschnitte werden ausdrücklich als notwendig beschrieben.

In dieser Lage geraten besonders die Angebote unter Druck, die nicht zu den zwingenden Pflichtaufgaben gehören. Kultur zählt häufig dazu. Das macht sie haushaltspolitisch angreifbar, auch wenn sie für das Leben in der Stadt eine große Bedeutung hat.

Was jetzt Vorrang hat

Die Prioritäten der Stadt liegen erkennbar bei Bereichen, die als unverzichtbar gelten: Bildung, Betreuung, medizinische Versorgung, Verkehr, Barrierefreiheit, Sicherheit und langfristige Stadtentwicklung.

Besonders sichtbar ist die Neugestaltung des Talschulplatzes. Dafür sind im Haushalt 2026 900.000 Euro eingeplant. Es handelt sich um die größte bauliche Einzelinvestition des Jahres. Die Stadt verweist außerdem auf Investitionen in Schulen, Kindergärten, Ganztagsbetreuung und digitale Ausstattung.

Auch das Ärztehaus spielt eine wichtige Rolle. Für den Ausbau weiterer Praxisräume sind 580.000 Euro vorgesehen. Damit will Wehr die medizinische Grundversorgung sichern – ein Thema, das für die Attraktivität einer Stadt immer wichtiger wird.

Hinzu kommen größere Ausgaben für Infrastruktur: 550.000 Euro für die Beteiligung an der Hochrheinelektrifizierung, 370.000 Euro für barrierefreie Bushaltestellen und 350.000 Euro für Maßnahmen an der Wehra. Auch Feuerwehr, Brücken, Fahrzeuge und technische Ausstattung stehen im Haushalt.

Der größte Einzelposten ist der Grundstückserwerb mit 1,2 Millionen Euro. Dahinter steht eine langfristige Strategie: Die Stadt will Flächen sichern, um Wohnraum, Gewerbe und Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.

Die Logik der Stadtentwicklung

Wehr spart also nicht einfach überall. Die Stadt investiert weiter, aber sehr gezielt. Im Mittelpunkt stehen Projekte, die langfristig wirken sollen: Plätze, Verkehrswege, medizinische Versorgung, Schulen, Kitas, Grundstücke und neue Entwicklungsflächen.

Auch die Innenstadt spielt eine Rolle. Der Haushalt spricht von Aufenthaltsqualität, Stadtentwicklung und wirtschaftlichen Impulsen für Gastronomie und Einzelhandel. Genannt werden unter anderem der Talschulplatz, das Lenz-Areal, die Hauptstraße und sogar ein möglicher Campingplatz.

Gerade hier entsteht ein Widerspruch. Eine lebendige Innenstadt entsteht nicht nur durch Bauprojekte. Sie braucht auch Anlässe, Veranstaltungen und Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Kultur ist dafür kein Beiwerk, sondern ein wichtiger Bestandteil. Wenn ein Kulturort geschlossen wird, während gleichzeitig Lebensqualität und Innenstadtbelebung betont werden, muss die Stadt erklären, wie beides zusammenpasst.

Kultur fällt leicht durchs Raster

Die genannten Prioritäten sind nachvollziehbar. Schulen, Kitas, ärztliche Versorgung, Mobilität und Sicherheit betreffen zentrale Aufgaben einer Kommune. Doch der KulTurm zeigt, was in dieser Logik leicht verloren geht: Räume, die nicht zwingend vorgeschrieben sind, aber das Stadtleben prägen.

Kultur ist oft freiwillig, aber nicht nebensächlich. Sie schafft Öffentlichkeit, Identität und Gemeinschaft. Sie bietet Vereinen, Initiativen, Künstlerinnen, Künstlern und Publikum eine Bühne. Gerade kleinere Städte brauchen solche Orte, weil kulturelles Leben dort stärker von einzelnen Räumen und engagierten Menschen abhängt.

Ein Haushaltsplan kann gut darstellen, was etwas kostet. Er zeigt aber nur begrenzt, was etwas wert ist. Der Verlust eines Kulturortes lässt sich nicht allein in Euro messen.

Was fehlt: eine Antwort für die Zeit danach

Der Haushalt enthält zwar einen Bereich für Kultur, Heimatpflege und Sport. Was aber nicht erkennbar wird, ist eine klare kulturpolitische Perspektive nach dem KulTurm.

Gibt es Ersatzräume? Welche Veranstaltungen können künftig wo stattfinden? Wie werden Vereine, Initiativen und Kulturschaffende eingebunden? Welche Rolle soll Kultur bei der Innenstadtentwicklung spielen? Diese Fragen bleiben offen.

Ohne solche Antworten wirkt die Schließung wie eine reine Kürzung. Eine überzeugende Prioritätensetzung müsste mehr leisten: Sie müsste nicht nur erklären, warum ein Ort aufgegeben wird, sondern auch, wie kulturelles Leben in Wehr erhalten und weiterentwickelt werden soll.

Die Prioritäten sind klar, die Lücke auch

Der Haushaltsplan 2026 zeigt deutlich, wohin Wehr steuert. Die Stadt setzt auf Haushaltsstabilität, Bildung, Betreuung, medizinische Versorgung, Verkehr, Barrierefreiheit, Sicherheit, Grundstücke und Stadtentwicklung. Diese Linie ist sachlich begründbar.

Doch mit dem KulTurm verschwindet ein Ort, der für eine andere Art von Stadtqualität steht: Begegnung, Kultur, Beteiligung und öffentliches Leben. Wenn Wehr Lebensqualität ernst meint, darf Kultur nicht nur dann eine Rolle spielen, wenn Geld übrig ist.

Der KulTurm geht. Die Prioritäten liegen woanders. Entscheidend ist nun, ob Kultur in Wehr nur eingespart wird – oder ob die Stadt eine neue, glaubwürdige Perspektive dafür entwickelt.

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