Wer in diesen Wochen in die sozialen Medien schaut, bekommt den Eindruck, als sei etwas völlig Neues und Skandalöses passiert: Auf einmal, so wird behauptet, werde die Fasnacht zur „Bühne für politische Diffamierung“. Man klagt über „Schmutzkampagnen“, über „Angriffe im bunten Glitzer“, über eine angeblich missbrauchte Tradition.
Tatsächlich ist das Gegenteil richtig: Die badische Fasnacht war schon immer politisch. Und das ist gut so – denn ohne politisches Salz wäre sie nur ein weiterer verkaufbarer Event im Jahreskalender, aber kein lebendiges Stück Kultur mit Rückgrat.
Fasnacht ohne Politik? Historisch schlicht falsch
Ein kurzer Blick in die Geschichte reicht: Schon im Mittelalter nutzten Narren, Zünfte und Zünfteleute die wenigen „verkehrten Tage“, um die Obrigkeit zu kritisieren. Im Häs, hinter Maske und Larve, konnte man Dinge aussprechen, die im Alltag gefährlich waren.
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In vielen Städten wurden Ratsherren und Bürgermeister in Büttenreden parodiert.
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Bauern spotteten über Steuerlast und Zehnt.
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Selbst kirchliche Würdenträger bekamen ihr Fett weg, wenn sie zu sehr moralisierten oder im Luxus schwelgten.
Diese Tradition nennt sich Narrenfreiheit – und sie ist kein folkloristischer Dekoartikel, sondern ein demokratisches Frühwarnsystem. Wer heute so tut, als sei Fasnacht ein unpolitischer Wohlfühl-Karneval gewesen, verdrängt bewusst diese Wurzeln.
Humor als Volksabstimmung auf Zeit
Fasnacht war immer auch eine Form von Volksabstimmung mit anderen Mitteln. Natürlich ohne Stimmzettel, aber sehr deutlich:
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Worüber lacht die Menge?
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Wer wird ausgebuht?
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Welche Pointe zündet, welche landet im kalten Saal?
Das Publikum reagiert, und die Aktiven auf der Bühne spüren genau, ob sie einen Nerv treffen. So entsteht eine politische Rückmeldung von unten, spontan und ungefiltert.
Wer im Rathaus oder im Landtag über Bürger „von oben herab“ redet, darf sich nicht wundern, wenn er im Februar als Holzfigur auf dem Fasnachtswagen landet. Das ist keine „Diffamierung“, das ist gelebte politische Kultur – und übrigens wesentlich ehrlicher als so manche glattgebügelte Wahlkampfbroschüre.
Wenn Empörung zur Ablenkung wird
Die lautesten Beschwerden über „politische Fasnacht“ kommen auffällig oft von denen, die selbst keine Hemmungen haben, hart auszuteilen – allerdings nicht im Rahmen der Narrenfreiheit, sondern im Alltag:
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in scharfen Posts gegen Minderheiten,
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in schrillen Parolen gegen „die da oben“ – je nachdem, wer gerade zum Feindbild erklärt wird,
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in kalkulierten Provokationen, die genau auf Empörung ausgelegt sind.
Wenn dieselben Akteure dann plötzlich zerbrechlich wirken, sobald sie selbst Zielscheibe von Spott werden, riecht das weniger nach Prinzipientreue, sondern nach doppelten Standards.
Wer im politischen Geschäft bewusst polarisiert, muss damit rechnen, dass diese Polarisierung auch auf den Bühnen der Region beantwortet wird – mit Pointen statt Parolen.
