Die Landtagswahl ist vorbei, und Baden-Württemberg hält seinen politischen Kurs in Richtung Nachhaltigkeit und Transformation. Sicherlich werden sich die Parteien über viele Details Gedanken machen müssen. Vor allem die kommunale Versorgung mit finanziellen Mitteln bleibt ein zentrales Thema. Denn die vergangenen Jahre haben gezeigt: Kommunen mit immer neuen Aufgaben zu betrauen, ohne diese finanziell entsprechend auszustatten, funktioniert auf Dauer nicht.
Aus unserer Stadt trat Matthias Jehle für die AfD als Direktkandidat an – begleitet von großen Worten. In eigenen Darstellungen sprach er von erfolgreichem Marketing und sparte nicht mit Superlativen. Ein Blick auf die Zahlen und Themen des Wahlkampfs lohnt sich.
Das Marketing
Nach eigenen Angaben betreibt Matthias Jehle seit etwa zehn Jahren Wahlkampf innerhalb der AfD. Polarisierung und zugespitzte Rhetorik gehören dabei zu den bekannten Instrumenten politischer Kommunikation.
Doch Marketing ist vor allem dann wirkungsvoll, wenn sich daraus messbare Ergebnisse ableiten lassen. In der Politik ist eine naheliegende Messgröße die Zahl der Wählerinnen und Wähler, die einer Kandidatin oder einem Kandidaten ihre Stimme geben.
Bei der Landtagswahl 2026 erhielt Jehle beziehungsweise die AfD aus der Stadt Wehr rund 1.300 Stimmen. Dem gegenüber stehen etwa 4.300 Wahlberechtigte, die sich für andere Parteien entschieden haben. Trotz einer langen Phase politischer Selbstvermarktung fällt es schwer, dieses Ergebnis als durchschlagenden Erfolg zu interpretieren.
Noch deutlicher war der Abstand bei der vergangenen Bürgermeisterwahl. Dort erhielt Jehle die Stimmen von 962 Wählerinnen und Wählern – während 4.732 Bürgerinnen und Bürger einen anderen Kandidaten wählten.
Während des Wahlkampfs sprach Jehle dennoch regelmäßig von Erfolgen, gut besuchten Wahlkampfständen und vermittelte in der öffentlichen Kommunikation mitunter den Eindruck, eine breite Mehrheit der Bevölkerung anzusprechen. Ob sich hier eine eigene Wahrnehmungsblase gebildet hat oder ob es sich lediglich um klassische Wahlkampfrhetorik handelt, lässt sich im Nachhinein schwer beurteilen.
Die Themen
Inhaltlich begann Jehle seinen Wahlkampf mit provokanten Aussagen. Dabei wurde auch auf Begriffe zurückgegriffen, bei denen sich die Frage stellt, ob und wie sie sich mit den Grundwerten der Verfassung vereinbaren lassen.
Auch junge Erstwählerinnen und Erstwähler versuchte Jehle anzusprechen. In einem Motivationsschreiben griff er Themen wie Bildung und Energie auf und arbeitete mit eingängigen Schlagworten. Unabhängig von der politischen Bewertung der Vorschläge blieb bei manchen Beobachtern der Eindruck, dass viele der genannten Ideen nur in einem konstruktiven demokratischen Miteinander umsetzbar wären. Hier hat das Marketing vermutlich eine Lücke hinterlassen.
Das Demokratieverständnis
Demokratie ist kein Termin im Kalender, sondern ein fortlaufender Prozess. Sie lebt davon, dass ihre grundlegenden Prinzipien – etwa Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung – respektiert und verstanden werden.
Einige öffentliche Äußerungen Jehle’s ließen bei Beobachtern Zweifel daran aufkommen, wie er grundlegende demokratische Prinzipien interpretiert. So erklärte er etwa, er wolle „nicht wieder sehen, dass 44 Prozent in Baden-Württemberg nicht bei der Wahl waren“. Der Wunsch nach einer höheren Wahlbeteiligung ist grundsätzlich nachvollziehbar und wird von vielen politischen Akteuren geteilt. Demokratie lebt schließlich davon, dass möglichst viele Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.
Gleichzeitig zeigt ein Blick auf das Wahlergebnis eine andere Perspektive. Auch unter denjenigen Bürgerinnen und Bürgern, die tatsächlich zur Wahl gegangen sind, blieb die Unterstützung für Jehle deutlich begrenzt. In Wehr entschieden sich mehrere tausend Wählerinnen und Wähler bewusst für andere Kandidaten oder Parteien.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der öffentlichen Darstellung des eigenen politischen Rückhalts und dem tatsächlichen Ergebnis an der Wahlurne. Zwischen politischem Selbstbild, Wahlkampfrhetorik und realer Zustimmung scheint eine spürbare Lücke zu bestehen.
