Haushalt unter Druck: Wo die Stadt Wehr finanziell gerade steht

18.07.2025

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Die Stadt Wehr hat ihren Finanzzwischenbericht für das Jahr 2025 vorgelegt. Auf den ersten Blick sieht vieles solide aus: Die Einnahmen liegen überwiegend im Plan, die Verwaltung meldet Stabilität. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Der Haushalt ist angespannt, Spielräume fehlen – und manche Risiken sind noch gar nicht eingepreist.

Einnahmen auf Kante genäht

Tatsächlich liegen die Einnahmen aus der Gewerbesteuer derzeit über Plan – rund 647.000 Euro mehr bis zur Jahresmitte. Doch dieser Wert ist volatil und kann sich im zweiten Halbjahr schnell wieder verändern. Ein kräftiger Rückgang der Steuereinnahmen, wie ihn viele Kommunen bereits zu spüren bekommen, ist für Wehr bisher ausgeblieben – das ist Glück, aber kein Garant für Stabilität.

Auch die Einkommenssteuer- und Umsatzsteueranteile bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Mehreinnahmen aus der Mai-Steuerschätzung belaufen sich auf gerade einmal 54.000 Euro – eine Summe, die angesichts des gesamten Haushaltsvolumens kaum ins Gewicht fällt. Gleichzeitig ist der Haushalt strukturell unterfinanziert: Schon bei der Verabschiedung im Dezember 2024 war ein Defizit von 1,74 Millionen Euro eingeplant.

Ausgaben unter Kontrolle – aber nur mit Verzögerungen und offenen Posten

Dass die Personalkosten unter Plan liegen, klingt zunächst positiv. In Wahrheit ist das jedoch vor allem Folge von unbesetzten Stellen, verschobenen Tarifsteigerungen und fehlenden Höhergruppierungen. Mit anderen Worten: Es wurde weniger ausgegeben, weil weniger umgesetzt werden konnte. Für den Herbst sind rückwirkende Zahlungen und Nachbesetzungen bereits angekündigt – dann könnte die Kostenbremse wieder locker werden.

Auch bei den Sach- und Dienstleistungen scheint vieles im Rahmen zu sein. Doch mehrere Ausgaben – etwa für Reparaturen, Ersatzbeschaffungen und sogar die Bürgermeisterwahl – waren nicht eingeplant und mussten durch Umverteilungen intern gedeckt werden. Das funktioniert kurzfristig, zeigt aber: Der Haushalt ist kaum noch in der Lage, auf Unerwartetes flexibel zu reagieren.

Investitionen: ambitioniert, aber langsam

Rund 2,9 Millionen Euro sind im Investitionsplan 2025 vorgesehen. Doch bis Ende Juni war erst gut ein Drittel davon abgeflossen. Viele Maßnahmen hängen in der Planung, warten auf Förderbescheide oder wurden bewusst ins zweite Halbjahr geschoben. Nicht wenige Vorhaben – wie der Campingplatz Wolfgangmatt oder Teile der Kita-Ausstattung – sind bisher noch gar nicht gestartet.

Die größten Projekte, wie das Ärztehaus, verschlingen Millionenbeträge. Fördermittel sind zwar beantragt, aber längst nicht vollständig ausgezahlt. In vielen Bereichen bleibt unklar, ob die geplanten Investitionen tatsächlich 2025 wirksam werden oder in die nächsten Jahre verschoben werden müssen. Auch hier gilt: Der Spielraum ist eng – wenn Kosten steigen oder Einnahmen verzögert kommen, wird’s kritisch.

Eigenbetriebe: Wirtschaftlich unter Druck

Auch die städtischen Eigenbetriebe kämpfen mit finanziellen Engpässen.

  • Die Bäder schreiben weiter rote Zahlen – mit einem geplanten Verlust von 735.000 Euro, der nach aktuellem Stand zwar eingehalten werden kann, aber keinerlei Puffer lässt.

  • Im Bereich Wasser drohen unerwartete Ausgaben durch aufwendige Rohrbrüche und technische Probleme.

  • Die Kläranlage profitiert zwar von der eigenen Photovoltaik, muss aber gleichzeitig teure Chemikalien einkaufen, weil sich das Absetzverhalten des Schlamms verschlechtert hat.

  • Beim Breitbandausbau sind zwar 15 Millionen Euro investiert, aber bisher haben erst rund 250 Haushalte einen Vertrag abgeschlossen. Die Anschlussquote ist mit 8 Prozent besorgniserregend niedrig. Einnahmen fließen kaum, die Liquidität des Eigenbetriebs ist negativ. Die Stadt muss mit Krediten und Zwischenfinanzierungen einspringen – ein teurer Kraftakt mit ungewissem Ausgang.

Bürgerstiftung: Pflege stabil, Zukunft unsicher

Das Pflegeheim der Bürgerstiftung ist gut ausgelastet – über 98 Prozent im ersten Halbjahr. Doch die geplante Erhöhung der Pflegesätze um 9,1 Prozent ist noch nicht durch, und der wirtschaftliche Betrieb bleibt fragil. Auch hier gibt es kaum Reserven: Die Mittel für Investitionen und Personal sind knapp bemessen.

Die Lage ist ernst – und wird schöngeredet

Der Bericht der Verwaltung spricht von „Einhalten der Planansätze“ und „Zufriedenheit“. Doch in Wahrheit arbeitet die Stadt Wehr am Limit. Der Haushalt ist strukturell defizitär, Investitionen kommen nur schleppend voran, und jede kleine Störung bringt die Planung ins Wanken. Vieles läuft aktuell nur, weil bestimmte Ausgaben noch nicht angefallen sind oder aufgeschoben wurden.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Stadt ihre Investitionen wirklich stemmen kann – und ob die Einnahmen weiter stabil bleiben.

Klar ist: Für neue Projekte, Krisen oder unvorhergesehene Ausgaben gibt es kaum noch Luft. Eine ehrliche Debatte über die mittelfristige Finanzstrategie der Stadt wäre jetzt notwendig.

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