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Innenstadt-Experiment: Gute Idee, aber noch keine belastbare Strategie

13.05.2026

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Mit der Aktion „Lebendige Ortsmitte“ will die Stadt Wehr die Innenstadt zeitweise aufwerten. Auf dem Talschulplatz sollen Sitzgelegenheiten, Grünelemente, Bewirtung und Bewegungsangebote zeigen, wie öffentlicher Raum anders genutzt werden kann.

Das ist zunächst ein positives Signal: Die Innenstadt wird nicht nur als Verkehrs- oder Durchgangsraum betrachtet, sondern als Ort, an dem Menschen sich aufhalten sollen.

Gleichzeitig stellt sich bei einem solchen Experiment eine politische Grundfrage: Handelt es sich um eine einzelne, zeitlich begrenzte Aktion – oder um einen Baustein einer langfristigen Innenstadtentwicklung?

Genau deshalb haben wir der Stadt mehrere Fragen gestellt. Wir wollten wissen, ob die Maßnahme isoliert zu verstehen ist oder im Zusammenhang mit dem Stadtentwicklungskonzept 2035 steht.

Außerdem fragten wir nach den konkreten Zielen, nach möglichen Folgeschritten, nach Bewertungskriterien und danach, welche Rolle die Ergebnisse des Experiments bei künftigen Beratungen im Gemeinderat spielen sollen.

Die Antwort der Stadt

Die Stadt teilte mit, dass die Maßnahme zeitlich begrenzt sei und sich aus der Möglichkeit ergeben habe, an der Landesaktion „Lebendige und verkehrsberuhigte Ortsmitten für Baden-Württemberg“ teilzunehmen. Im Rahmen dieser Aktion konnte Wehr Mobiliar zur Aufwertung der Innenstadt ausleihen.

Der Talschulplatz sei als Hauptaktionsfläche naheliegend gewesen. Die Stadt verweist darauf, dass dessen Aufwertung bereits als Projektidee bestehe und durch die Bürgerwerkstatt im vergangenen Jahr auch Teil des Stadtentwicklungskonzepts 2035 sei.

Außerdem betont die Stadt die Einbindung lokaler Partner aus Vereins- und Geschäftswelt. Durch zusätzliche Grünelemente, Bewirtung und Bewegungsangebote solle den Bürgerinnen und Bürgern für eine gewisse Zeit ein Mehrwert in der Innenstadt geboten werden.

Zur Auswertung schreibt die Stadt sinngemäß: In der Natur eines Experiments liege es, Chancen und Schwächen von Ideen aufzuzeigen. Es sei wünschenswert, dass Bürgerinnen und Bürger die Angebote annehmen und sich dadurch zeige, was gut und was weniger gut funktioniere.

Die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung könnten dann gemeinsam mit externen Partnern einschätzen, in welchem Zusammenhang dies zu den langfristigen Entwicklungen der Innenstadt stehe.

Gelegenheit statt klarer Planung

Diese Antwort enthält eine wichtige Information: Der unmittelbare Auslöser war offenbar nicht ein bereits beschlossener konkreter Schritt aus dem Stadtentwicklungskonzept, sondern die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Landesaktion.

Das ist nicht automatisch problematisch. Kommunen sollten solche Gelegenheiten nutzen, wenn sie sich bieten. Gerade temporäre Maßnahmen können sinnvoll sein, weil sie ohne dauerhafte Umbauten zeigen, wie sich ein Platz verändern könnte.

Problematisch wird es aber dort, wo der strategische Rahmen unklar bleibt. Die Stadt stellt zwar einen Bezug zum Stadtentwicklungskonzept 2035 her, erklärt aber nicht konkret, welche Ziele aus diesem Konzept mit dem Experiment geprüft werden sollen.

Der Talschulplatz als Prüfstein

Gerade der Talschulplatz eignet sich als Testfläche, weil über seine Aufwertung bereits gesprochen wurde. Das Experiment könnte zeigen, ob mehr Begrünung, Sitzmöglichkeiten und Angebote tatsächlich zu mehr Aufenthaltsqualität führen.

Dafür müsste aber klarer benannt werden, was die Stadt herausfinden will. Geht es um mehr Frequenz in der Innenstadt? Um längere Aufenthaltsdauer? Um eine bessere Verbindung zwischen Handel, Gastronomie, Vereinen und öffentlichem Raum? Um Angebote für Familien, Jugendliche oder ältere Menschen? Oder um die Frage, ob verkehrsberuhigte und begrünte Räume grundsätzlich besser angenommen werden?

Die Antwort bleibt hier allgemein. Begriffe wie „Mehrwert“, „Chancen“ und „Schwächen“ klingen plausibel, ersetzen aber keine überprüfbaren Ziele.

Ein Experiment braucht Kriterien

Wenn die Stadt von einem Experiment spricht, muss dieses Experiment auch auswertbar sein. Dafür braucht es Kriterien.

In unserer Anfrage haben wir deshalb ausdrücklich gefragt, nach welchen Maßstäben bewertet werden soll, ob und welche weiteren Maßnahmen in Betracht kommen. Genau diese Frage beantwortet die Stadt nicht konkret.

Es bleibt offen, ob Besucherzahlen erhoben werden, ob Bürgerinnen und Bürger systematisch befragt werden, ob Rückmeldungen von Geschäften und Vereinen dokumentiert werden oder ob die Nutzung der Fläche zu verschiedenen Zeiten beobachtet wird. Auch ein Zeitplan für eine öffentliche Auswertung wird nicht genannt.

Ohne solche Grundlagen besteht die Gefahr, dass am Ende nur ein allgemeiner Eindruck bleibt: Es war schön, es wurde genutzt, manche fanden es gut, andere weniger. Für politische Entscheidungen reicht das nicht.

Auswertung darf nicht intern bleiben

Besonders aufmerksam machen sollte die Formulierung, dass die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung gemeinsam mit externen Partnern einschätzen könnten, in welchem Kontext das Experiment zu den langfristigen Entwicklungen der Innenstadt steht.

Fachliche Einschätzung ist wichtig. Verwaltung und externe Partner können Erfahrungen einordnen und praktische Hinweise geben. Aber Innenstadtentwicklung betrifft nicht nur Verwaltung und Projektpartner. Sie betrifft Bürgerinnen und Bürger, Gewerbetreibende, Anwohnerinnen und Anwohner – und vor allem den Gemeinderat als politisches Entscheidungsgremium.

Wenn die Auswertung vor allem intern bleibt, fehlt die demokratische Nachvollziehbarkeit. Wer entscheidet, was als Erfolg gilt? Wer bewertet Kritik? Wer legt fest, welche Ideen weiterverfolgt werden? Und auf welcher Grundlage trifft der Gemeinderat spätere Entscheidungen?

Bürgerbeteiligung braucht Konsequenzen

Die Stadt verweist zu Recht auf die Bürgerwerkstatt und auf die Beteiligung lokaler Partner. Das zeigt, dass es in Wehr Bereitschaft gibt, sich einzubringen. Vereine, Geschäfte und Bürgerinnen und Bürger können wichtige Impulse geben.

Doch Beteiligung darf nicht nur erwähnt werden, sie muss Folgen haben. Wenn der Talschulplatz im Rahmen des Stadtentwicklungskonzepts diskutiert wurde und nun ein Experiment stattfindet, sollte anschließend transparent dargestellt werden, was daraus gelernt wurde.

Sonst entsteht der Eindruck, Beteiligung sei vor allem Begleitmusik: Man hört zu, probiert etwas aus, aber die politischen Schlüsse bleiben unklar.

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