Kultur unter Rechtfertigungsdruck

10.02.2026

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Kultur hat es in Wehr traditionell nicht leicht. Sie gilt vielen als „freiwillige Leistung“, als Kostenfaktor ohne unmittelbaren Nutzen, als Nice-to-have in Zeiten knapper Kassen.

Vor diesem Hintergrund ist die nun geplante Anpassung des Kooperationsvertrags zur KulturBrücke Schopfheim · Wehr mehr als ein formaler Verwaltungsakt – sie ist ein Gradmesser dafür, welchen Stellenwert Kultur in der Stadt tatsächlich besitzt.

Wenn Verbindlichkeit verschwindet, wächst die Angreifbarkeit

Ein zentrales Element der neuen Vereinbarung ist der Abschied von festen Programmzusagen. Wo früher klar geregelt war, wie viele Veranstaltungen, Konzerte oder Abonnements stattfinden, setzt der neue Vertrag auf Offenheit und Flexibilität. Das mag organisatorisch sinnvoll sein – kulturpolitisch ist es riskant.

Gerade in einer Stadt, in der Kultur regelmäßig hinterfragt wird, sind klare Zusagen ein Schutzschild. Sie schaffen Verlässlichkeit, Argumente und Planungssicherheit. Wer Kultur ohnehin kritisch sieht, findet in der neuen Unverbindlichkeit eine willkommene Angriffsfläche: „Es gibt ja keine festen Leistungen mehr.“

Kooperation oder kulturelle Abhängigkeit?

Die KulturBrücke lebt von der Zusammenarbeit mit Schopfheim – einer Stadt mit deutlich stärkerer kultureller Infrastruktur. Das war schon immer so und ist per se kein Problem. Problematisch wird es dort, wo die neue Vertragslogik stillschweigend akzeptiert, dass Inhalte zunehmend von außen kommen.

Wenn Programmvielfalt nicht mehr garantiert, sondern situativ ausgehandelt wird, stellt sich die Frage: Bleibt Wehr gleichberechtigter Partner – oder wird es zum Austragungsort für Kultur, die anderswo konzipiert wird? In einer Stadt, in der Kultur ohnehin um Akzeptanz ringt, ist diese Frage politisch hochsensibel.

Marketing ersetzt keine Haltung

Zwar setzt der neue Vertrag stark auf gemeinsames Marketing unter der Marke „KulturBrücke“. Das ist modern, sichtbar und kommunikativ sinnvoll. Doch Sichtbarkeit allein ersetzt keine kulturpolitische Haltung.

Gerade in Wehr wäre eine klare Botschaft nötig gewesen: Warum leisten wir uns Kultur? Für wen? Mit welchem Anspruch? Der Vertrag bleibt diese Antworten schuldig – und überlässt es damit der Tagespolitik, Kultur immer wieder neu zu rechtfertigen.

Kostenlogik statt Kulturverständnis

Besonders heikel ist der Wechsel zur verursachergerechten Abrechnung. Was betriebswirtschaftlich sauber klingt, verändert den Diskurs grundlegend. Kultur wird damit noch stärker als Kostenstelle behandelt, nicht als gemeinschaftliche Investition.

In einer Stadt, in der Kultur ohnehin kritisch beäugt wird, verstärkt das die Gefahr, dass Veranstaltungen nicht nach ihrem gesellschaftlichen Wert beurteilt werden, sondern nach ihrer „Rentabilität“. Kultur, die sich erklären muss, verliert an Freiheit.

Stabilität ohne Vision

Die lange Vertragslaufzeit bis mindestens Ende 2027 sorgt zwar für Ruhe – aber auch für Stillstand. Wer heute Kulturpolitik nur verwaltet, statt sie zu gestalten, vergibt Chancen. Gerade jetzt, wo sich Städte neu positionieren müssen, wäre eine selbstbewusste kulturpolitische Vision wichtig gewesen.

Sicherheit für die Verwaltung, Unsicherheit für die Kultur

Die neue KulturBrücke Schopfheim · Wehr ist kein großer Wurf. Sie stabilisiert Abläufe, reduziert Reibung und macht Kulturverwaltung effizienter. Doch in Wehr, wo Kultur ohnehin unter Beobachtung steht, reicht das nicht.

Ohne klare inhaltliche Leitlinien, ohne verbindliche Zusagen und ohne eine erkennbare politische Haltung droht Kultur weiter in die Defensive zu geraten. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob der Vertrag angenommen wird – sondern ob der Gemeinderat bereit ist, Kultur künftig nicht nur zu verwalten, sondern auch zu verteidigen.

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