In unserem Wahlkreis treten zur Landtagswahl mit Niklas Nüssle (Grüne) und Simon Herzog (CDU) zwei Kandidaten an, die sichtbar unterschiedliche Schwerpunkte setzen.
Beide sprechen über „Zukunft“, meinen damit aber teils Verschiedenes: Nüssle denkt stark über Klimaschutz, Energiewende und ÖPNV – Herzog stärker über Infrastruktur, Versorgung, Wirtschaft und Ordnungspolitik. Was heißt das konkret für eine Stadt wie Wehr?
Niklas Nüssle: Energiewende, ÖPNV, Europa-Schwerpunkt
Nüssle beschreibt sich als Europa-Politiker und betont für die Region insbesondere Energiewende, besseren ÖPNV im ländlichen Raum sowie den Kampf gegen Fachkräftemangel.
Was das für Wehr heißen kann (wenn dieser Kurs prägend bleibt):
-
Kommunale Wärmewende schneller umsetzen: Wehr hat bereits einen Kommunalen Wärmeplan, den der Gemeinderat 2024 beschlossen hat und der in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll. Ein politischer Fokus auf Energiewende bedeutet tendenziell Rückenwind für Projekte wie Wärmenetze, Gebäudesanierung, lokale Energieerzeugung oder E-Mobilitätskonzepte.
-
Mehr Druck auf ÖPNV-Verbesserungen: Nüssle nennt ausdrücklich den Anspruch, dass der ÖPNV auch im ländlichen Raum „echte Alternative“ wird. Für Wehr könnte das bedeuten: stärkere Priorität auf Taktung, Anschlüsse, Busverbindungen ins Umland – und auf Landesprogramme, die solche Angebotsausweitungen finanzieren.
-
Grenzregion als Vorteil: Sein Europa-/Schweiz-Fokus kann bei Themen helfen, die am Hochrhein oft relevant sind (Pendler, Kooperationen, Arbeitsmarkt).
Simon Herzog: Infrastruktur, Versorgung, Wirtschaft – mit ordnungspolitischem Profil
Herzog stellt als Kernziele heraus: medizinische Versorgung, Ausbau von Straßen- und Schienenverbindungen, flächendeckende digitale Infrastruktur sowie wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen und „technologieoffene Innovationen“.
Ergänzend zeigen seine öffentlichen Äußerungen (u. a. zu Integration, Bauwirtschaft, Grundsicherung, EU-Asylreform) ein Profil, das stark auf Arbeit/Leistung, Bürokratieabbau und Ordnung/Steuerung setzt.
Was das für Wehr heißen kann (wenn dieser Kurs prägend wird):
-
Stärkerer Fokus auf Erreichbarkeit und Daseinsvorsorge: Herzog macht „Infrastruktur“ und „Daseinsvorsorge“ zum Kern – das passt zu Themen wie Straßenanbindung, Schienenprojekte, aber auch Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum.
-
Digital-Ausbau als Schwerpunkt: Wehr führt Breitbandausbau als eigenes Handlungsfeld. Ein Kandidat, der digitale Infrastruktur zur Priorität erklärt, würde solche Projekte politisch eher nach vorn schieben.
-
Wirtschaft und Bau im Vordergrund: Seine Argumentation (Planungssicherheit, weniger Hürden, Investitionsanreize) zielt besonders auf Mittelstand, Handwerk, Bau und Industrie. Das kann bei lokalen Gewerbeflächen, Genehmigungen, Wohnungsbau oder Sanierungen als Leitmotiv wirken – allerdings meist mit dem Blick auf Machbarkeit und Kosten.
Wo es in Wehr besonders „konkret“ wird
Stadtentwicklung, Fördermittel und große Projekte
Wehr arbeitet an zentralen Weichenstellungen über das Stadtentwicklungskonzept 2035 – auch, weil ein aktueller Beschluss Voraussetzung sein kann, um z. B. ins Landessanierungsprogramm zu kommen (u. a. Konversion der Papierfabrik Lenz).
Hier unterscheiden sich die politischen Lesarten:
-
Grüner Kurs (Nüssle): Stadtentwicklung eher gekoppelt an Klima-/Energieziele, nachhaltige Mobilität, Flächensparen, Sanierung.
-
CDU-Kurs (Herzog): Stadtentwicklung stärker gekoppelt an Infrastruktur, wirtschaftliche Stärke, schnellere Verfahren („weniger Hürden“) und Daseinsvorsorge.
Klima, Wärmeplanung, Energieeffizienz
Wehr hat konkrete Klima- und Umsetzungsbausteine.
-
Nüssles Schwerpunkt Energiewende/klimaneutrales Wirtschaften passt direkt dazu.
-
Herzog würde solche Themen eher über die Brille „Technologieoffenheit“, Kosten, Bürokratie und Umsetzbarkeit rahmen.
Praktischer Unterschied für Wehr: eher „Tempo und Verbindlichkeit“ (grün) vs. „Pragmatik/Investitionsbedingungen und Verfahren“ (CDU).
Verkehr: ÖPNV vs. Straßen-Schwerpunkt
-
Nüssle betont ausdrücklich ÖPNV als echte Alternative im ländlichen Raum.
-
Herzog nennt den Ausbau von Straßen- und Schienenverbindungen als Kernziel.
Für Wehr kann das bedeuten:
-
Unter Nüssle-Logik rücken Busangebot, Verknüpfung, Taktung und Klimanutzen stärker in den Vordergrund.
-
Unter Herzog-Logik rücken Erreichbarkeit für Pendler und Wirtschaft (Straße/Schiene) sowie „funktionierende Infrastruktur“ stärker nach vorn.
Soziales und Integration
Herzog setzt in seiner öffentlichen Kommunikation stark auf Integration über Sprache & Arbeit und auf „Fördern und Fordern“. Nüssle spricht stärker über Zusammenhalt, Fachkräftemangel (u. a. Lehrkräfte/Ärzt:innen) und strukturelle Zukunftssicherheit.
Für Wehr betrifft das u. a. die Frage, wie Integrations- und Qualifizierungsangebote politisch gewichtet werden: mehr „Arbeitsmarkt-Fokus und Anreize/Sanktionen“ (Herzog) versus mehr „Strukturpolitik und öffentliche Daseinsvorsorge“ (Nüssle).
Auswirkungen für Wehr
Für Wehr sind die Unterschiede zwischen den politischen Ansätzen nicht abstrakt, sondern betreffen ganz konkrete Handlungsfelder: die kommunale Wärmeplanung, Mobilität und Verkehrsanbindung, den Ausbau digitaler Infrastruktur sowie Fragen der Stadtentwicklung und der Förderpolitik. Im Kern geht es darum, welche Prioritäten gesetzt werden – ob politische Entscheidungen stärker an der Klimatransformation ausgerichtet werden oder ob Infrastruktur, Wirtschaft und Ordnungspolitik im Vordergrund stehen.
Die Wahl entscheidet darüber, welche dieser Schwerpunkte künftig stärker gewichtet werden. Dabei gehört es zu einer funktionierenden Demokratie, dass unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen. Beide Ansätze spiegeln reale Anliegen und Erwartungen wider – und beide werden von Menschen getragen, die sich konkrete Verbesserungen für ihre Stadt wünschen.
