Das Stadtentwicklungskonzept 2035 der Stadt Wehr erwähnt Kultur an mehreren Stellen. Sie taucht im Zusammenhang mit öffentlichem Raum, Integration, sozialer Teilhabe und großen Entwicklungsflächen auf. Damit ist Kultur im Konzept durchaus vorhanden. Gerade deshalb fällt aber auf, wie wenig konkret daraus eine tatsächliche Perspektive wird.
Kultur wird benannt, aber nicht ausgearbeitet. Sie erscheint als Ziel, als Begleitidee und als Teil städtischer Lebensqualität. Was fehlt, ist eine erkennbare Strategie.
Kultur als Teil sozialer Stadtentwicklung
Im Stadtentwicklungskonzept wird Kultur dem Handlungsfeld „Gemeinschaft, Soziales, Gesundheit, Bildung, Sport & Kultur“ zugeordnet. Schon diese Einordnung ist aufschlussreich. Kultur wird nicht als eigenes starkes Entwicklungsfeld behandelt, sondern gemeinsam mit vielen anderen sozialen Aufgaben betrachtet.
Das ist nicht falsch. Kultur hat viel mit Gemeinschaft, Bildung und Teilhabe zu tun. Aber die breite Einordnung führt auch dazu, dass sie im Konzept wenig eigenes Profil bekommt. Sie wird mitgedacht, aber nicht klar herausgearbeitet.
Als Leitziel wird unter anderem genannt, Orte der Begegnung zu schaffen. Auch Sport und Kultur werden in der Zusammenfassung als verbindende Elemente beschrieben. Das zeigt: Die Stadt erkennt grundsätzlich, dass Kultur Menschen zusammenbringen kann. Doch offen bleibt, welche kulturellen Orte dafür gebraucht werden und wie sie langfristig gesichert werden sollen.
Kunst und Kultur im öffentlichen Raum
Konkreter wird das Konzept an einer Stelle: In der „aktiven und gesunden Stadt“ wird die Förderung von Kunst und Kultur im öffentlichen Raum genannt. Das ist ein wichtiger Ansatz. Kultur soll also nicht nur in Veranstaltungsräumen stattfinden, sondern auch im Stadtraum sichtbar werden.
Damit rückt Kultur in die Nähe von Aufenthaltsqualität, Begegnung und Stadtbild. Öffentliche Räume sollen nicht nur funktional sein, sondern auch belebt werden. Das kann durch Veranstaltungen, Ausstellungen, temporäre Formate oder künstlerische Interventionen geschehen.
Doch auch hier bleibt das Konzept offen. Es sagt nicht, welche Räume gemeint sind, welche Formate geplant werden oder wer diese Entwicklung tragen soll. „Kunst und Kultur im öffentlichen Raum“ bleibt damit eher eine Überschrift als ein umsetzbarer Plan.
Kultur als Integrationsplattform
Auch im Bereich der „lernenden Stadt“ spielt Kultur eine Rolle. Dort wird sie als Plattform für Integration verstanden. Dieser Gedanke ist wichtig, weil Kultur Teilhabe ermöglichen kann. Sie kann Menschen verbinden, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Sie kann Sprache, Herkunft, Alter und soziale Unterschiede überbrücken.
Aber auch hier bleibt das Stadtentwicklungskonzept abstrakt. Es wird nicht deutlich, welche Angebote entstehen sollen, welche Gruppen angesprochen werden, welche Einrichtungen beteiligt sind oder wie solche Formate dauerhaft organisiert werden könnten.
Aus der richtigen Idee entsteht noch keine belastbare Struktur.
Das Lenz-Areal als kulturelle Möglichkeit
Besonders interessant ist die Papierfabrik Lenz. Im Projektverzeichnis wird die Lenz-Konversion als Leitprojekt genannt. Die Themen sind dort Wohnen, Gewerbe, Kultur und Wehrazugang. Damit erscheint Kultur nicht nur allgemein, sondern als Teil eines konkreten Zukunftsraums.
Das ist einer der stärksten Hinweise im Konzept darauf, dass Kultur künftig räumlich mitgedacht werden könnte. Das Lenz-Areal könnte mehr sein als ein Wohn- und Gewerbeprojekt. Es könnte auch ein Ort werden, an dem öffentliches Leben, kulturelle Nutzung und neue Begegnungsräume entstehen.
Aber gerade weil das Potenzial groß ist, fällt die Unschärfe auf. Kultur kann vieles bedeuten: eine Bühne, Ausstellungsflächen, Ateliers, Proberäume, Räume für Vereine, temporäre Veranstaltungen oder nur eine gelegentliche kulturelle Nutzung im Außenraum. Das Konzept legt sich nicht fest.
So bleibt das Lenz-Areal eine kulturelle Möglichkeit, aber noch keine kulturpolitische Antwort.
Viele Begriffe, wenig Verbindlichkeit
Das Stadtentwicklungskonzept liefert mehrere kulturelle Stichworte: Kunst im öffentlichen Raum, Integration, Begegnung, Sport und Kultur als verbindende Elemente, Kultur im Zusammenhang mit dem Lenz-Areal. Zusammengenommen zeigen diese Punkte, dass Kultur im Zukunftsbild der Stadt vorkommt.
Doch genau darin liegt die Schwäche. Die Begriffe bleiben nebeneinander stehen. Es gibt keine erkennbare Linie, die daraus eine Strategie macht.
Welche Räume sollen erhalten, geschaffen oder entwickelt werden? Welche kulturellen Nutzungen haben Priorität? Welche Rolle spielen Vereine, Initiativen, Künstlerinnen, Künstler und Publikum? Welche Zuständigkeiten gibt es? Welche Schritte sind bis 2035 vorgesehen?
Auf diese Fragen gibt das Stadtentwicklungskonzept keine klare Antwort.
Die offene Raumfrage
Besonders deutlich wird die Lücke bei der Frage nach kultureller Infrastruktur. Wenn Kultur Teil von Begegnung, Integration und Stadtentwicklung sein soll, braucht sie verlässliche Orte. Öffentliche Räume können vieles ermöglichen, aber sie ersetzen nicht automatisch Räume für Proben, Veranstaltungen, Ausstellungen oder regelmäßige kulturelle Arbeit.
Das Stadtentwicklungskonzept spricht zwar von Kultur, aber es benennt keine gesicherte kulturelle Infrastruktur. Es bleibt offen, ob Kultur künftig dauerhaft eigene Räume bekommt oder nur punktuell bei anderen Projekten mitlaufen soll.
Damit wird Kultur als Wert anerkannt, aber nicht ausreichend als Aufgabe abgesichert.
