Schulsozialarbeit in Wehr: Feuerwehrmodus statt Bildungsgerechtigkeit

10.11.2025

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Die Schulsozialarbeiter:innen in Wehr leisten enorm viel – das belegt der aktuelle Sachstandsbericht für das Schuljahr 2024/25 sehr eindrucksvoll.

Gleichzeitig zeigt das Dokument zwischen den Zeilen: Hier wird ein System damit beauftragt, strukturelle Probleme der Bildungs- und Sozialpolitik zu kompensieren – mit begrenzten Stellen, hoher Fallzahl und ständigem Krisenmodus.

Wenn Prävention dem Krisenbetrieb geopfert wird

Auffällig ist der starke Schwerpunkt auf Einzelfallhilfe. An der Talschule wurden etwa über 100 Kinder einzeln beraten, dazu Dutzende Eltern und Lehrkräfte. Ähnlich sieht es an den Grundschulen und der Realschule aus. Die Themen reichen von Angst, Schulabsentismus, familiären Krisen, psychischer Belastung bis hin zu suizidalen Gedanken und Verdacht auf Kindeswohlgefährdung.

Die Folge: Für geplante Präventionsprojekte blieb schlicht keine Zeit. Die im Konzept vorgesehenen Workshops zu Alkohol- und Cannabiskonsum in Klassenstufe 7 und 8 mussten wegen der Fülle an Einzelfällen gestrichen werden. Damit wird genau das geschwächt, was politisch seit Jahren lautstark gefordert wird: frühzeitige, systematische Prävention statt spätes Reagieren.

Wenn Schulsozialarbeit ihre Ressourcen überwiegend in das Löschen von Bränden stecken muss, wird sie zur Reparaturinstanz eines belasteten Schulsystems – nicht zu dem präventiven, strukturell verankerten Baustein, als der sie gerne in Konzeptpapieren beschrieben wird.

Mehr Stellenprozente – aber noch lange keine Entwarnung

Ja, es gibt Verbesserungen: Die Talschule erhielt eine Erhöhung von 50 auf 70 Prozent Stelle. Das ermöglichte mehr Präsenz, kürzere Wartezeiten, mehr Sichtbarkeit im Schulalltag. Gleichzeitig schreiben die Fachkräfte selbst, dass die Fallzahlen weiter steigen und der Bedarf lediglich „angenähert“ wird.

An der Realschule stehen zwar 100 Prozent Schulsozialarbeit zur Verfügung – aber für 352 Schüler:innen, darunter zahlreiche komplexe Einzelfälle, mediale Konflikte, Schulangst und Berufsorientierungsfragen. Die Grundschulen Zelgschule und Öflingen teilen sich eine Stelle, die zusätzlich noch mit schulübergreifenden Aufgaben belastet wird.

Politisch heißt das: Die Stadt und der Landkreis führen Aufstockungen durch, die in Wahrheit nur das Schlimmste abfedern. Von bedarfsgerechter Ausstattung kann keine Rede sein, solange zentrale Bausteine der Prävention aus Zeitgründen ausfallen müssen.

Kinderschutzfälle: Hohe Verantwortung, wenig politische Debatte

Besonders still dürfte es in der politischen Debatte um jene Passage bleiben, in der die Schulsozialarbeit verschiedene Fälle möglicher Kindeswohlgefährdung schildert: Verfahren nach § 8a SGB VIII, Meldungen an das Jugendamt, Einschätzungen mit insoweit erfahrenen Fachkräften, Kinder, die sich zeitweise in Obhut nehmen lassen, Familien, in denen Unterstützung nicht nachhaltig angenommen wird.

Hier arbeiten wenige Fachkräfte an der Front, wo es um elementare Rechte von Kindern geht – körperliche Unversehrtheit, seelische Gesundheit, Schutz vor Gewalt. Gleichzeitig bleibt unklar, ob sie für diese hohe Verantwortung ausreichend rechtlich, personell und strukturell abgesichert sind. Der Bericht erwähnt sogar, dass wegen komplexer Fälle eine externe Rechtsberatung nötig war, um die Rolle der Schulsozialarbeit zu klären.

Wo bleibt die politische Konsequenz? Wer solche Verantwortung überträgt, muss auch klar regeln, welche Entscheidungsspielräume, welche Vertretungsregelungen und welche Unterstützungsstrukturen es gibt. Ein „Schutzkonzept“ für die Schulsozialarbeit ist angekündigt – aber noch nicht umgesetzt.

Medienprävention: Die Realität ist schneller als das Konzept

Beim Thema Mediennutzung zeigt sich ebenfalls ein strukturelles Problem. In der Grundschule wird die Bedeutung digitaler Bildung zwar erkannt, es gibt Projekte zu Datenschutz, Bildrechten, Fake News und sozialen Netzwerken. Gleichzeitig wird geschildert, dass bereits Viertklässler teils intensiv soziale Medien nutzen – oft ohne elterliche Begleitung.

Ein besonders drastischer Fall an der Zelgschule: Ein peinliches Foto einer Schülerin wird aufgenommen und an Außenstehende weitergeleitet; Polizei, Schulleitung und Schulsozialarbeit müssen einschreiten. Solche Vorfälle sind längst keine Ausnahme mehr, sondern Symptom einer Entwicklung, bei der reale Praxis und pädagogische Strukturen nicht Schritt halten.

Auch an der Realschule werden Programme zu Social Media und Medienkompetenz durchgeführt, Elternabende organisiert, Vorträge zu Fake News angeboten. Trotzdem bleibt der Eindruck: Die Projekte sind Inseln – gut gemeint, engagiert umgesetzt, aber nicht durch eine umfassende kommunale Digital- und Medienbildungsstrategie unterlegt.

Solange jede Schule für sich „irgendwie versucht, das Thema mitzudenken“, fehlt die gemeinsame Linie – und damit die politische Verantwortung.

Zielvereinbarungen, die auf halbem Weg stehenbleiben

Bemerkenswert ist der Abschnitt zu den Zielvereinbarungen zwischen Schule und Schulsozialarbeit. Auf dem Papier wirkt das professionell: gemeinsame Ziele, Evaluation, Ausblick. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch Brüche:

  • An der Realschule wurde das Ziel zur Berufsorientierung nur teilweise erreicht. Ein gemeinsames Konzept Schule/Schulsozialarbeit existiert nicht, eine schulweite Bedarfsanalyse blieb aus.

  • An der Zelgschule konnte das gemeinsam vereinbarte Ziel zur Pausengestaltung am Ende gar nicht mehr mit der Schulleitung evaluiert werden – weil diese über Monate fehlte und das Kollegium personell am Limit war.

  • In der Talschule wurden Pausen- und Konfliktangebote zwar angestoßen, aber der Ausbau des Präventionskonzepts blieb ebenfalls hinter den Ansprüchen zurück – auch hier, weil die Schulsozialarbeit mit Einzelfällen ausgelastet ist.

Das Muster ist deutlich: Die Fachkräfte reflektieren, formulieren Ziele, planen Weiterentwicklung – scheitern aber immer wieder an fehlender Zeit, instabilen Leitungsstrukturen und knappen Ressourcen. Politisch wird viel über „Schulentwicklung“ gesprochen, aber zu selten darüber, dass kontinuierliche Entwicklung Verlässlichkeit braucht: stabile Schulleitungen, verankerte Budgets, ausreichend Personal.

Elternarbeit: Anspruch und Wirklichkeit

Seit Jahren geistert die Idee einer Elternvortragsreihe in Kooperation mit dem Familienzentrum durch die Planungen. Im aktuellen Bericht ziehen die Fachkräfte einen Schlussstrich: Dieses Ziel wird aufgegeben, die Ressourcen reichen dafür nicht. Stattdessen soll nun pro Jahr ein einzelner Vortrag organisiert werden.

Auch das ist ein ehrliches Eingeständnis – und gleichzeitig ein Armutszeugnis für die politische Prioritätensetzung. In Zeiten, in denen Eltern in Erziehungs- und Medienfragen zunehmend Orientierung suchen, wäre eine verlässliche, breit beworbene Elternbildungsstruktur unverzichtbar. Doch wieder hängt alles an ein paar überlasteten Fachkräften, statt von Träger und Kommune strategisch aufgebaut zu werden.

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