Stadtentwicklungskonzept: Ein großer Schritt mit überraschend kleinem Diskurs

25.11.2025

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Der Gemeinderat der Stadt Wehr hat am Dienstagabend das neue Stadtentwicklungskonzept 2035 (STEK) mehrheitlich verabschiedet. Jahrelang erarbeitet, über 170 Seiten stark, strategisch bedeutsam und eng verknüpft mit Fördermitteln – und doch blieb die Debatte im Rat bemerkenswert zurückhaltend.

Gerade weil das Konzept wichtige Weichen für Wohnen, Gewerbe, Mobilität und Freiraum setzt, hätte man eine intensivere politische Auseinandersetzung erwarten können.

Der Bürgermeister: Fördermillionen und Planungshoheit im Mittelpunkt

Schon zu Beginn der Beratung betonte der Bürgermeister den finanziellen Druck: Das Konzept sei zwingend erforderlich, um Mittel aus dem Landessanierungsprogramm zu sichern – im Umkehrschluss wäre ein Nicht-Beschluss gleichbedeutend mit dem Verlust dieser Gelder.

Zudem verwies er auf die kommunale Planungshoheit, die trotz eines unverbindlichen STEK weiterhin beim Gemeinderat liegt. Besonders hob er hervor, dass das Konzept vor allem Orientierung, aber keine unmittelbare Verpflichtung schafft: Ein Werkzeug, keine Fessel.

Die Botschaft war klar: Das Konzept zu verabschieden sei vernünftig, ohne die Entscheidungsspielräume des Rates zu beschneiden.

Auffällig: Die Unverbindlichkeit wird als Stärke verstanden

Mehrere Ratsmitglieder griffen denselben Punkt auf – allerdings in einer bemerkenswert einseitigen Perspektive. Immer wieder wurde betont, dass das STEK nicht verbindlich sei, dass Maßnahmen „können, aber nicht müssen“, und dass das Konzept eine „Orientierungshilfe“ darstellt.

In der Stadtplanung ist Unverbindlichkeit jedoch zweischneidig: Sie schafft Flexibilität – aber sie kann auch bedeuten, dass schwierige Fragen vertagt und unangenehme Entscheidungen verschoben werden.

Gerade deshalb wäre die Aufgabe des Gemeinderats gewesen, darüber zu sprechen, wo das Konzept nachgeschärft werden müsste und welche Leitplanken man politisch setzen will. Doch diese Diskussion blieb weitgehend aus.

Ein Rat, der beschreibt statt bewertet

Ein Großteil der Beiträge bestand aus inhaltlichen Rückspiegelungen dessen, was ohnehin im Konzept steht.

Beispiele:

  • Die eingeschränkten Gewerbeflächen in Wehr

  • Die Herausforderungen im Lärmkonflikt zwischen Wohnen und Gewerbe

  • Die Bedeutung des Lenz-Areals und des Brennet-Parks

  • Die Verdichtungspotenziale im Zelg

  • Die begrenzte Innenentwicklung im Norden

  • Die Rolle der Wehra als grünes Band

  • Der demografische Druck und der prognostizierte Wohnraumbedarf

All das sind Kernelemente des STEK – doch kaum jemand ging den Schritt weiter und erklärte, wie sie politisch bewertet werden oder was daraus folgt.

Wenig wurde darüber gesprochen:

  • Welche Prioritäten der Gemeinderat künftig setzen will

  • Welche Risiken die unverbindliche Natur des Konzepts birgt

  • Wo das Konzept zu vage bleibt

  • Wie man Interessenkonflikte (z. B. Gewerbe vs. Wohnen) politisch lösen will

Kurz: Der Rat referierte das Konzept – statt es politisch zu positionieren.

Kaum Debatte, wenige Fragen – und ein schneller Beschluss

Das vielleicht Auffälligste: Die eigentliche Diskussion war sehr kurz.

Zwei Fragen stachen hervor:

  • Ein Ratsmitglied erkundigte sich, ob die Attraktivität der Stadt durch einen besseren Zugang zur Wehra steigen würde. Die Antwort: Es gebe bereits viele Zugänge, nur wenige Lücken seien noch zu schließen.

  • Ein anderes wies auf die Gefahr hin, einzelne Weichenstellungen ohne strategischen Rahmen zu treffen – und mahnte, das Konzept zumindest als Entscheidungsgrundlage zu nutzen.

Nach weniger als 25 Minuten Diskussion folgte die Abstimmung – und die Mehrheit stimmte zu.

Was fehlte: Politische Haltung

Ein Stadtentwicklungskonzept ist ein strategisches Instrument. Es zeigt auf:

  • wo die Stadt wachsen kann,

  • wo sie es nicht sollte,

  • welche Herausforderungen sie angehen muss,

  • und wo Konflikte absehbar sind.

Die Aufgabe des Gemeinderats wäre es gewesen:

  • Schwerpunkte zu setzen,

  • Nachbesserungsbedarf zu benennen,

  • politische Positionen zu klären,

  • und der Verwaltung Orientierung zu geben.

Stattdessen dominierte ein erstaunlich harmonischer Konsens: Man akzeptiert das Konzept – gerade weil es nicht bindet.

Ein wichtiges Konzept, aber ein Rat ohne erkennbare Richtung

Mit der Verabschiedung des STEK 2035 hat die Stadt Wehr die notwendige formale Grundlage geschaffen, um Fördermittel zu erhalten und strategische Projekte voranzubringen. Das ist zweifellos ein wichtiger Schritt.

Doch die Art und Weise der Verabschiedung wirft Fragen auf:

  • Warum so wenig politischer Diskurs?

  • Warum kaum Positionierung zu strittigen Themen?

  • Warum wird Unverbindlichkeit als Vorteil betrachtet?

Wenn ein Konzept die Zukunft der Stadt skizzieren soll, braucht es nicht nur planerische Expertise, sondern auch politische Haltung. Dieser Teil blieb in der Sitzung weitgehend blass.

Der Beschluss ist gefallen – doch die inhaltliche Auseinandersetzung steht noch aus.

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