Die Stadt Wehr steht vor zentralen Weichenstellungen. Mit dem neuen Stadtentwicklungskonzept 2035 (STEK) soll festgelegt werden, wie sich die Stadt in den kommenden Jahren räumlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich entwickeln soll. Der Gemeinderat arbeitet seit über zehn Jahren an der Fortschreibung, zuletzt wieder intensiv zusammen mit dem Planungsbüro Baldauf und in mehreren internen Sitzungen, Sondersitzungen sowie Bürgerwerkstätten.
Doch so umfassend das Konzept ist – so groß sind auch die Erwartungen. Und gerade beim Thema Bürgerbeteiligung zeigt sich ein deutliches Spannungsfeld zwischen politischem Anspruch und gelebter Praxis.
Ein Konzept mit großer Bedeutung – nicht nur planerisch
Der Anlass für die Fortschreibung ist konkret: Für die Aufnahme in das Landessanierungsprogramm, insbesondere für die Konversion der brachgefallenen Papierfabrik Lenz, verlangt das Regierungspräsidium einen gültigen Beschluss über ein aktuelles Stadtentwicklungskonzept. Damit wird das STEK zum strategischen Schlüssel, um wichtige Fördermittel und damit realisierbare Projekte in die Stadt zu holen.
Gleichzeitig legt das Konzept – über 170 Seiten stark – die gesamtstädtische Entwicklungsstrategie fest: vom Schutz der Landschaft über Mobilität, Tourismus, Wirtschaftsförderung bis zur Siedlungsentwicklung. Viele Elemente basieren auf früheren Leitbildern und dem STEK 2030, andere wurden neu integriert, etwa die Kapitel zur Innen- und Außenentwicklung.
Demografischer Wandel und Wachstumsdruck
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wehr wird wachsen – je nach Prognose um 1.187 Einwohner bis 2040, was einen Bedarf von 400 bis 625 neuen Wohneinheiten bedeutet. Der demografische Wandel führt zudem dazu, dass der Anteil der über 65-Jährigen weiter ansteigt.
Doch gerade das Wehratal setzt natürliche Grenzen. Zwischen Hotzenwald und Dinkelberg bleibt nur wenig Raum für klassische Erweiterungsgebiete. Das STEK reagiert darauf mit einem zweigleisigen Ansatz:
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Innenentwicklung: Aktivierung von Baulücken, Umnutzungen, Aufstockungen, Nachverdichtungen.
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Außenentwicklung: Suche nach geeigneten neuen Wohn- und Mischgebieten – bewertet durch eine Matrix, diskutiert im Gemeinderat und verortet im Strategieplan.
Die Verwaltung betont: Nur beides zusammen wird ausreichen, um die absehbare Nachfrage zu decken.
Wirtschaft: Zwischen Tradition und neuen Perspektiven
Auch wirtschaftlich steht Wehr zwischen Kontinuität und Umbruch. Der Verlust der Brennet AG 2012 mit rund 300 Arbeitsplätzen hat Spuren hinterlassen. Gleichzeitig ist Wehr weiterhin ein bedeutender Industriestandort am Hochrhein mit innovativen Unternehmen und global agierenden Branchen.
Das STEK sieht hier zwei zentrale Aufgaben:
- Schutz der Gewerbeflächen, um Industrie und Handwerk langfristig zu sichern.
- Stärkung der Innenstadt – durch bessere Einzelhandelsstrukturen, wohnnahe Angebote und ein lebendiges Zentrum.
Konversionsflächen wie Brennet (in Teilen umgesetzt) und nun die Papierfabrik Lenz sollen neue Impulse schaffen – auch für Wohnen, Dienstleistungen und kleinteiliges Gewerbe.
Mobilität und Klima: Wehratal als Leitlinie
Alle strategischen Überlegungen sind durch die Topografie geprägt. Die Wehra dient als verbindendes, identitätsstiftendes Grün- und Freiraumband. Zu den zentralen städtebaulichen Zielen gehören:
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Stärkung des Wehratalwegs und der Zugänge zur Wehra
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Aufwertung zentraler Plätze (insbesondere Talschulplatz)
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mehr Grün- und Schattenflächen
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Renaturierungen und ökologische Aufwertungsmaßnahmen
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Umsetzung des Klimaschutzkonzepts 2025 und der kommunalen Wärmeplanung
Gerade der Talschulplatz wurde 2025 in einer eigenen Bürgerwerkstatt intensiv diskutiert – ein Beispiel für gelebte Beteiligung, aber auch für strukturelle Schwächen.
Bürgerbeteiligung zwischen Anspruch und Realität
Das STEK beschreibt Bürgerbeteiligung ausdrücklich als grundlegenden Bestandteil des Stadtentwicklungsprozesses. In der Theorie ist dieser Prozess „iterativ und rekursiv“, also offen, dialogorientiert und auf mehreren Ebenen verwoben.
In der Praxis zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild.
Viele Formate – aber geringe Sichtbarkeit der Ergebnisse
Seit 2016 fanden verschiedene Veranstaltungen statt:
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Bürgerwerkstatt 2016
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Bürgerwerkstatt 2021
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Klausurtagung 2022
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Sondersitzung 2023
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Bürgerwerkstatt Talschulplatz 2025
Diese Vielfalt wirkt auf den ersten Blick beeindruckend. Doch wer die Dokumente analysiert, stellt fest: Die Nachvollziehbarkeit der Wirkung ist begrenzt.
Beispiel Außenentwicklung:
Beim Workshop 2021 diskutierten 20 Personen über die Frage, wo künftig gebaut werden soll – eine Entscheidung mit jahrzehntelangen Folgen für Landschaft, Verkehr und Infrastruktur. Diese kleine Gruppe konnte ihre Einschätzungen einbringen, während Tausende Bürgerinnen und Bürger nicht teilnahmen oder nicht eingeladen waren. Die Priorisierung der Bauflächen fand anschließend weitgehend innerhalb des Gemeinderats statt – in der Klausur 2022 und der Sondersitzung 2023 –, ohne dass die Öffentlichkeit diese Gewichtungen im Detail nachvollziehen konnte.
Beispiel Talschulplatz:
Die Bürgerwerkstatt 2025 war engagiert, gut besucht und produktiv. Viele Vorschläge (Schatten, Grün, Aufenthaltsqualität) waren plausibel und demokratisch abgestützt. Doch das STEK bleibt vage, wie die Ergebnisse in die konkrete Planung einfließen: Es heißt lediglich, die Verwaltung werde die Ergebnisse „aufbereiten“ und später mit Gremien diskutieren. Ein transparenter Mechanismus zur Übernahme oder Ablehnung von Vorschlägen fehlt.
Beteiligung vor allem beratend, kaum entscheidend
Eine wichtige Feststellung: Keines der Beteiligungsformate besitzt Verbindlichkeit.
Die Bürger liefern Ideen, doch:
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es gibt keinen Bewertungsrahmen,
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keine Priorisierungsmatrix für Bürgerinputs,
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kein öffentliches Reporting über umgesetzte oder verworfene Anregungen.
Damit droht der Eindruck zu entstehen, dass Beteiligung vor allem symbolisch wirkt – ein demokratisches Ritual, das Legitimation erzeugen soll, ohne echte Mitgestaltung sicherzustellen.
Transparenzdefizite belasten das Vertrauen
Gerade bei komplexen Themen wie:
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Flächennutzungsplanung
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Innenentwicklungspotenzialen
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Standortentscheidungen für Gewerbe
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Konversionsflächen
ist die Informationslage für viele Bürger kaum durchschaubar. Die STEK-Inhalte sind umfangreich, aber nicht leicht zugänglich. Wer nicht in Workshops saß oder im Gemeinderat sitzt, versteht oft nur Teile des Planungsprozesses.
So entsteht ein Demokratiedefizit: Viele Bürger fühlen sich informiert, aber nicht eingebunden. Gehört, aber nicht wirksam.
Was das STEK leisten kann – und wo es nachschärfen müsste
Trotz der kritischen Aspekte besitzt das STEK 2035 großes Potenzial:
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Es verbindet räumliche, soziale, ökologische und wirtschaftliche Perspektiven.
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Es bildet die Grundlage für Fördermittel, Investitionen und strategische Zukunftsentscheidungen.
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Es bündelt Jahrzehnte an Analysewissen und Projekterfahrungen.
Doch für eine moderne Stadtentwicklung genügt das nicht. Bürgerbeteiligung muss künftig:
- früher einsetzen, nicht erst nach Vorentscheidungen der Politik,
- transparenter dokumentiert werden,
- verbindlicher gestaltet werden, etwa durch Feedbackberichte und nachvollziehbare Kriterien,
- repräsentativer organisiert werden, um nicht nur die aktiven, sondern auch die stillen Gruppen zu erreichen.
Denn eine Stadt lebt nicht von Konzepten, sondern von Akzeptanz, Vertrauen und gemeinschaftlicher Gestaltung.
Wehr zeigt Mut zur Zukunft – doch der Weg muss demokratischer werden
Mit dem Stadtentwicklungskonzept 2035 setzt Wehr viele richtige inhaltliche Impulse: für Wohnen, Klima, Wirtschaft, Mobilität und Lebensqualität. Doch ausgerechnet bei einem der zentralen Bausteine moderner Stadtplanung – der echten Beteiligung der Bürgerschaft – bleibt das Konzept hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück.
Wehr steht damit an einem Punkt, der zugleich Chance und Herausforderung ist: Die inhaltlichen Ziele des STEK sind gut, aber ihre Legitimation könnte stärker sein. Wenn die Stadt es schafft, Beteiligung künftig verbindlicher, transparenter und wirkungsvoller zu gestalten, kann das STEK nicht nur ein Planungsinstrument sein – sondern ein Motor für eine Stadtentwicklung, die von allen getragen wird.
