Wehr rutscht tiefer ins Minus – und die großen Belastungen kommen erst noch

21.07.2026

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Der Finanzzwischenbericht 2026 zeichnet ein ernüchterndes Bild: Die Gewerbesteuer bricht ein, wichtige Investitionen werden verschoben und bei Wasser, Breitband und kommunalen Gebäuden wachsen die Risiken. Die Stadtverwaltung setzt auf Sparsamkeit. Doch viele Probleme sind strukturell – und lassen sich nicht durch einzelne gestrichene Projekte lösen.

Der Gemeinderat soll den Finanzzwischenbericht nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern zugleich mehreren Planabweichungen zustimmen. Hinter dieser nüchternen Formulierung verbirgt sich eine deutliche Verschärfung der Haushaltslage.

Schon der verabschiedete Haushalt sah ein Defizit von gut drei Millionen Euro vor. Nun fehlen bei der Gewerbesteuer voraussichtlich weitere rund 2,5 Millionen Euro. Einsparungen beim Personal, geringere Sachausgaben und eine niedrigere Gewerbesteuerumlage können diese Lücke nicht schließen. Das Jahresergebnis dürfte sich nochmals erheblich verschlechtern.

Die Krise ist nicht nur konjunkturell

Die Verwaltung verweist auf schwaches Wirtschaftswachstum, hohe Energiepreise und eine schlechtere Steuerschätzung. Das erklärt einen Teil der Entwicklung, aber nicht die gesamte Lage.

Besonders problematisch ist die Abhängigkeit der Stadt von wenigen großen Gewerbesteuerzahlern. Bereits vor den absehbaren Folgen der angekündigten Novartis-Werksschließung wurden Veranlagungen und Vorauszahlungen deutlich nach unten korrigiert. Die aktuelle Einnahmelücke besteht also unabhängig von der Werksschließung. Deren Folgen könnten die Lage in den kommenden Jahren zusätzlich verschärfen.

Damit handelt es sich nicht nur um ein vorübergehend schlechtes Haushaltsjahr. Wehr muss sich möglicherweise dauerhaft auf niedrigere Einnahmen einstellen, während Pflichtaufgaben, Baukosten und Unterhaltungsaufwand weiter steigen.

Finanzzwischenbericht 2026

Wie sich das Defizit der Stadt Wehr vergrößert

Vom bereits geplanten Minus zum voraussichtlichen Fehlbetrag – vor weiteren, noch nicht bezifferten Einsparungen.

Vorläufiges rechnerisches Defizit –4,81 Mio. €
Entwicklung des Haushaltsdefizits der Stadt Wehr 2026 Das geplante Defizit von 3,036 Millionen Euro erhöht sich durch Gewerbesteuermindereinnahmen. Einsparungen bei Personal und Gewerbesteuerumlage reduzieren die Belastung teilweise.
Hinweis: Das rechnerische Ergebnis von rund –4,81 Millionen Euro berücksichtigt die im Bericht bezifferten Entlastungen. Weitere Einsparungen bei Sach- und Dienstleistungen sind angekündigt, aber noch nicht abschließend beziffert.
Ausgangsdefizit Zusätzliche Belastung Entlastung Rechnerischer Zwischenstand

Quelle: Finanzzwischenbericht 2026 der Stadt Wehr, Vorlage GR 053/2026.

Sparen durch unbesetzte Stellen

Rund 500.000 Euro sollen bei den Personalkosten eingespart werden. Diese Einsparungen entstehen allerdings vor allem durch unbesetzte Stellen, Langzeiterkrankungen, Elternzeiten und einen geringeren Personalbedarf im U3-Bereich.

Das entlastet den Haushalt, ist aber keine klassische Effizienzsteigerung. Offene Stellen können dazu führen, dass Projekte langsamer umgesetzt werden, Leistungen eingeschränkt werden oder die Belastung der übrigen Beschäftigten wächst. Der Gemeinderat sollte deshalb nicht nur nach der eingesparten Summe fragen, sondern auch nach den Folgen für Kindergärten, Technische Dienste und Verwaltung.

Auch der sinkende Bedarf an U3-Betreuung verdient Aufmerksamkeit. Was kurzfristig Ausgaben reduziert, kann zugleich auf demografische Veränderungen hindeuten, die später Schulen, Vereine und Stadtentwicklung treffen.

Verschieben ersetzt keine Prioritätendebatte

Die Neugestaltung des Talschulplatzes für 900.000 Euro wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Auch Arbeiten am Jugendhaus, Hitzeschutzmaßnahmen an der Zelgschule und weitere Vorhaben werden zurückgestellt.

Das mag kurzfristig notwendig sein. Unklar bleibt jedoch, nach welchen Kriterien Projekte gestrichen, verschoben oder weitergeführt werden. Eine nachvollziehbare Rangfolge der wichtigsten Investitionen ist im Bericht nicht erkennbar.

Gleichzeitig entstehen an anderer Stelle erhebliche Mehrkosten. Bei der Seebodenhalle werden rund 320.000 Euro zusätzliche Sanierungskosten erwartet. Für einen neuen Hallenboden kommen weitere etwa 750.000 Euro hinzu. Ein einzelnes Projekt könnte die Stadt damit mehr als eine Million Euro zusätzlich kosten.

Dass ein Teil dieser Belastung erst 2027 anfällt, ändert nichts am Problem. Die Ausgabe wird lediglich in das nächste Haushaltsjahr verschoben.

Finanzzwischenbericht 2026

Die größten finanziellen Risiken für Wehr

Die Beträge sind nicht direkt gleichartig: Einige sind Investitionskosten, andere Einnahmeausfälle oder vorübergehende Liquiditätsbelastungen.

Größter Einzelposten 4,20 Mio. €
Angezeigte Positionen 5
Größte finanzielle Risiken der Stadt Wehr Horizontales Balkendiagramm zu Investitionskosten, Einnahmeausfällen und Liquiditätsbelastungen.
Einordnung: Die Grafik addiert die Positionen bewusst nicht zu einer Gesamtsumme. Die Werte betreffen unterschiedliche Haushaltsarten und Zeiträume.
Investitionskosten Einnahmeausfall Liquiditätsbelastung

Quelle: Finanzzwischenbericht 2026 der Stadt Wehr, Vorlage GR 053/2026.

Wasser wird deutlich teurer

Besonders konkret werden die finanziellen Folgen beim Trinkwasser. Wegen wiederholter Rohrbrüche soll die Druckleitung vom Tiefbrunnen Nagelfluh II zum Stufenpumpwerk Wehra früher als geplant erneuert werden. Die Baukosten werden grob auf mindestens 4,2 Millionen Euro geschätzt.

Die Verwaltung rechnet deshalb mit einer Erhöhung des Wasserpreises um mindestens 42 Cent brutto je Kubikmeter. Das Wort „mindestens“ ist entscheidend: Die Schätzung steht noch am Anfang, weitere Kostensteigerungen sind möglich.

Die Maßnahme dürfte technisch notwendig sein. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Infrastruktur in den vergangenen Jahren ausreichend vorausschauend unterhalten wurde. Zwölf Rohrbrüche im ersten Halbjahr sowie weitere beschädigte Schieber und Hydranten sind ein deutliches Warnsignal.

Breitbandnetz mit nur elf Prozent Anschlussquote

Auch der Eigenbetrieb Breitband bleibt problematisch. Das Netz ist technisch fertiggestellt, doch Ende Juni nutzten lediglich 332 Anschlussnehmer die Infrastruktur. Das entspricht einer Quote von elf Prozent.

Die erwarteten Pachteinnahmen liegen unter Plan. Gleichzeitig ist die Liquidität des Eigenbetriebs deutlich negativ. Ein Fördermittel-Sicherheitseinbehalt von rund 1,27 Millionen Euro wird voraussichtlich erst 2027 ausgezahlt. Die Stadt hat das Stammkapital deshalb nochmals um 250.000 Euro erhöht.

Die Verwaltung setzt nun auf Werbebanner, Postkarten, Erfolgsgeschichten und einen „Tag der Glasfaser“. Doch Werbung allein beantwortet die zentrale Frage nicht: Welche Anschlussquote ist nötig, damit das Netz langfristig wirtschaftlich betrieben werden kann?

Der Gemeinderat sollte sich offenlegen lassen, bis wann diese Quote erreicht werden soll und welche zusätzlichen Belastungen auf den städtischen Haushalt zukommen könnten, falls die Nachfrage dauerhaft niedrig bleibt.

Pflegeheim gut ausgelastet, aber mit hohen Kostenrisiken

Vergleichsweise positiv entwickelt sich die Bürgerstiftung. Das Pflegeheim erreicht eine Auslastung von mehr als 99 Prozent. Gleichzeitig liegen Personal- und Sachkosten deutlich über den anteiligen Ansätzen.

Die wirtschaftliche Stabilität soll vor allem durch höhere Pflegesätze gesichert werden. Vorgesehen ist eine deutliche Steigerung. Für den Betrieb mag das notwendig sein. Für Pflegebedürftige und Angehörige kann es jedoch höhere finanzielle Belastungen bedeuten.

Der Bericht betrachtet diese Entwicklung vor allem betriebswirtschaftlich. Die soziale Seite wird kaum thematisiert.

Gute Vorjahre kaufen nur Zeit

Die Verwaltung erklärt, dass das schwierige Jahr wegen guter Ergebnisse und finanzieller Vorsorge aus früheren Jahren noch bewältigt werden könne. Das beruhigt kurzfristig. Rücklagen können jedoch nur einmal eingesetzt werden.

Für kommende Jahre werden bereits Einschnitte angekündigt. Welche Einrichtungen, freiwilligen Leistungen oder Investitionen betroffen sein könnten, bleibt offen.

Der Finanzzwischenbericht sollte deshalb nicht als reine Formalie behandelt werden. Notwendig wären eine mehrjährige Finanzplanung unter Berücksichtigung der Novartis-Schließung, klare Kriterien für Investitionsentscheidungen und eine verständliche Darstellung der möglichen Folgen für Gebühren, kommunale Angebote und freiwillige Leistungen.

Wehr steht nicht unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit. Aber die Stadt gewinnt derzeit vor allem Zeit: durch frühere Überschüsse, verschobene Projekte und noch nicht ausgeschöpfte Kredite. Eine langfristige finanzpolitische Strategie ist das noch nicht.

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