Wie sich Wachstum steuern lässt

04.10.2025

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Im ersten Teil zum Thema „Wachstum“ haben wir betrachtet, wie sich ein Einwohnerzuwachs auf die Finanzen der Stadt auswirken könnte.

Doch Wachstum entscheidet sich nicht allein im Haushalt, sondern vor allem im Stadtbild.

Wer heute durch Wehr geht, spürt sofort: Die Innenstadt erfüllt ihren Zweck, sie ist funktional – aber sie wirkt nicht lebendig. Sie trägt das Gesicht der Generationen, die hier leben oder gelebt haben, und wurde nach deren Bedürfnissen gestaltet.

Die zentrale Frage lautet nun: Was muss Wehr tun, um Wachstum gezielt zu steuern – und die negativen Effekte, die damit einhergehen können, so weit wie möglich zu begrenzen?

Ein klar erkennbarer positiver Effekt für Kosten und Nutzen zeigt sich derzeit nur in zwei Szenarien: wenn es gelingt, gezielt berufstätige Zuzügler und Pendler anzusprechen oder Familien in größerer Zahl für Wehr zu gewinnen.

Und genau hier stellt sich die entscheidende Aufgabe: Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit diese Menschen Wehr nicht nur als Wohnort wählen, sondern hier auch dauerhaft bleiben wollen?

Szenario 1: Gezieltes Wachstum durch Zuzug junger Berufstätiger und Pendler

Wer junge Berufstätige und Pendler nach Wehr holen will, muss die Stadt zu einem Ort machen, an dem man auch nach der Arbeit gerne bleibt.

Heute wirkt die Innenstadt oft leer und bietet für junge Menschen kaum Aufenthaltsqualität. Viele Flächen sind für Verkehr und Parken reserviert, während es an einladenden Plätzen fehlt. Für jemanden, der abends aus Basel oder Lörrach zurückkehrt, gibt es derzeit kaum Gründe, hier noch Zeit zu verbringen.

Ein neuer Bürgermeister müsste deshalb dafür sorgen, dass die Innenstadt mehr Räume für Begegnung bietet. Bereiche, die heute vor allem dem Verkehr dienen, könnten so gestaltet werden, dass man gerne verweilt – mit Außengastronomie, Sitzgelegenheiten, Grüninseln oder kleinen Plätzen für neue Nutzungen.

Statt ausschließlich auf die bekannten traditionellen Feste zu setzen, braucht es moderne, niedrigschwellige Formate und Aktivitäten, die regelmäßig stattfinden und den Stadtraum beleben, anstatt ihn nur punktuell zu füllen.

Das bedeutet nicht, den Autoverkehr komplett zu verbannen, sondern ihn sinnvoll zu lenken – ergänzt durch gute Parkmöglichkeiten am Rand sowie sichere Wege für Fußgänger und Radfahrer. So entsteht ein ausgewogenes Bild: eine Innenstadt, die funktional bleibt, aber deutlich mehr Aufenthaltsqualität bietet.

Genau das ist es, was junge Menschen suchen: ein Umfeld, das zum Bleiben einlädt und modern wirkt.

Szenario 2: Wachstum durch Zuzug von Familien mit Kindern

Familien entscheiden sich nicht allein wegen eines Bauplatzes oder einer Kita für eine Stadt. Sie achten auf das Gesamtbild: Wie familienfreundlich wirkt das Zentrum? Gibt es sichere Wege, attraktive Treffpunkte und Angebote, die das Leben mit Kindern erleichtern und bereichern?

In Wehr zeigt sich: Die Infrastruktur ist vorhanden, aber sichtbar auf Kante genäht. Kitas und Schulen stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, die Innenstadt selbst bietet für Familien bislang wenig Anziehung: Es gibt kaum Räume, in denen Kinder spielen können, während Eltern entspannt Zeit verbringen. Die Geschäfte sind praktisch, aber nicht unbedingt auf die Lebenswelt junger Eltern zugeschnitten.

Ein neuer Bürgermeister müsste hier mehr Alltagsqualität für Familien schaffen.

Das heißt beispielhaft: Plätze, die nicht nur Verkehrsknoten sind, sondern sichere Aufenthaltsorte. Spielzonen und Flächen in der Stadt, wo Kinder unbeschwert laufen können. Flexible Treffpunkte und kleine Angebote wie Spielbereiche.

Auch bei Veranstaltungen braucht es einen neuen Ansatz: nicht nur die großen traditionellen Feste, die meist am Wochenende geballt stattfinden, sondern kleinere, regelmäßige Formate. Auch hier: niedrigschwellige Angebote, die Eltern und Kinder regelmäßig ins Zentrum ziehen und dort für Leben sorgen.

Das bedeutet Investitionen, nicht nur in Infrastruktur, sondern auch in Sicherheit. Breitere Gehwege, bessere Querungen, weniger Verkehrsdruck an zentralen Stellen und kurze Wege. Familien schätzen es, wenn der Alltag „leicht“ funktioniert.

Und genau hier liegt der Schlüssel: Eine Stadt, in der Kinder willkommen sind und Eltern eine echte Mitte finden, wird auch für Neubürger attraktiv.

So entsteht ein Bild von Wehr, das nicht nur funktional wirkt, sondern familienfreundlich strahlt. Genau das überzeugt junge Familien, sich dauerhaft hier niederzulassen – und macht die Innenstadt zu ihrem Lebensmittelpunkt.

Wachstum braucht mehr als Einwohnerzahlen

Die Szenarien machen deutlich: Wachstum in Wehr entscheidet sich nicht an der reinen Zahl der Einwohner, sondern an den Voraussetzungen, die dafür geschaffen werden. Die Entwicklung der Stadt muss sich an den konkreten Bedürfnissen der Gruppen orientieren, die für ein nachhaltiges Wachstum gewonnen werden sollen.

Dafür braucht es nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Entschlossenheit. Ein neuer Bürgermeister muss bereit sein, Wehr über das Heute hinaus zu denken: nicht nur Defizite zu verwalten, sondern ein Stadtbild zu gestalten, das Menschen anzieht und dauerhaft bindet.

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